Sie folgten Meelan quer durch den Wald des Strundetals. Sie kamen an einer großen Wiese vorbei auf der viele weiße Gänse liefen. Bald entdeckten sie eine kleine gelbe Burg. Dort bog Meelan in einen Weg ein und vorbei ging es an einem Teich und einem Spielplatz. Annomé schaute auf die Rutsche. Das wäre ein Vergnügen, so eine kleine Rutschpartie.
„Denk nicht mal daran“, sagte Carlotta die Annomé beobachtet hatte. „Oder meinst du, wir fliegen hier zum Spaß durch die Gegend.“
„Carlotta, hier müssen wir unbedingt nochmal in Ruhe hin. Das ganze Strundetal, irgendwie fühlt es sich so magisch an, wie unser Anderswald.“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Alles sieht ein bisschen geheimnisvoll und verwunschen aus. Das machen wir Annomé. Sobald der Schatz gefunden ist, werden wir dieses Gebiet mal in Ruhe durchstöbern.“
„Ach ja, der Schatz“, sagte Annomé. „Da war doch noch was zu erledigen.“
Hinter dem Spielplatz ging es wieder in den Wald hinein einen Berg hinauf. Vor einem großen sonderbaren Baum hielt Meelan an. Was jetzt passierte, damit hatte keiner von ihnen gerechnet, Annomé stieß einen Ohrenbetäubenden Schrei aus.
„Oh Annomé!“, rief Meelan. „Bist du verrückt? Ich werde jetzt drei Tage taube Ohren haben.“
„Da, schaut doch, da unten, die Schatzkiste!“, rief Annomé.
„Ich weiß“, sagte Meelan, ich war doch schon hier.“
Zwischen den Wurzeln des Baumes gab es einen Hohlraum. Dort war die Schatzkiste von vielen dicken Wurzeln umschlungen verborgen. Sie war so gut gefüllt, dass sich der Deckel nicht vollkommen schließen ließ. Frau Rabe konnte so mit ihrem spitzen Schnabel die Elfensteine herausholen.
„Ein Zauberbaum“, sagte Jasper.
„Ein was?“, fragte Meelan.
„Das ist ein Zauberbaum. Er ist uralt und seine Wurzeln verlaufen durch Zeit und Raum. Ich glaube, die Menschen wissen gar nicht, was hier in ihrem Wald steht.  Ogelot hat ein kluges Versteck gewählt. So einfach wird der Baum den Schatz nicht hergeben.“
Nun war ein heftiges Rauschen zu hören, das immer lauter und lauter wurde. Der Zauberbaum bewegte seine Zweige, dass ein kräftiger Wind aufkam. Eine Stimme, die tausendfach wiederhalte sprach ganz langsam: „Wer stört mich in meiner Ruhe. Ich brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.“
„Wir gehören zum Volk des Elfenkönigs Togan und kommen um unser Schatzkästchen abzuholen“, sagte Farina. „Danke das du darauf aufgepasst hast.“
„Es ist nicht euer Schatz“, sprach der Baum. „Er gehört mir. Ich habe ihn geschenkt bekommen.“
„Bevor du ihn geschenkt bekommen hast, hat er uns gehört.“
„Das stimmt nicht“, sagte der Baum und bewegte abermals heftig seine Zweige. „Ihr habt mir den Schatz nicht geschenkt. Also kann er auch vorher nicht in eurem Besitz gewesen sein.“
„Aber der der ihn dir geschenkt hat, hat ihn uns vorher gestohlen“, erwiderte Farina wütend.
„Wieso sollte ich euch das glauben.“
Fips zog seine Schleuder aus der Hosentasche. Er flüsterte: „Ich könnte dem Baum mit einem Stein eine verpassen. Vielleicht lässt er vor Schreck das Kästchen los.“
Im nächsten Moment kam ein Zweig angesaust und schlug Fips die Schleuder aus der Hand.
„Aua!“, rief Fips
„Das hätte ich dir gleich sagen können“, sprach Jasper, „dass dies nicht die richtige Methode bei einem Zauberbaum ist.“
Jeder der Freunde versuchte mit Worten den Zauberbaum zu überreden, ihnen den Schatz auszuhändigen. Doch alle Bemühungen waren vergebens.
Irgendwann sprach Jasper resigniert: „Lasst uns gehen, er wird es nicht herausgeben. Ogelot wird es auch nicht wiederbekommen. Es geht ihm auch gar nicht um den Schatz selber, sondern nur darum uns und den Menschen zu schaden.“
Traurig hatten sie sich vom Baum abgewandt um zu gehen. Sie waren so nahe dran. Verzweifelt drehte sich Annomé noch einmal um und rief:
„Die Kinder, sie werden so unendlich traurig und endtäuscht sein.“
„Welche Kinder?“, fragte der Baum. „Kinder stören nur und machen Lärm.“
„Na die Kinder beim Strundetal-Fest. Es war geplant, dass die Kinder sich als Belohnung für die Auflösung eines Rätsels einen Elfenstein aussuchen dürfen.“ Plötzlich hatte Annomé einen Geistesblitz. Wie es aussah, mochte der Baum wohl die Gesellschaft von Kindern nicht. Wie sagte er? Er brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.
„Na gut“, sagte Annomé, „dann sagen wir den Kindern das du den Schatz hast und sie ihren Elfenstein bei dir abholen sollen. Es werden hunderte, ach was rede ich, wahrscheinlich tausende sein, die hier um dich herumspringen.“ Ganz langsam und gedehnt sagte sie: „Den ganzen lieben langen Tag. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und wer weiß, vielleicht gefällt es ihnen hier so gut bei dir, dass sie dich öfters besuchen kommen.“
Diesmal bewegte der Zauberbaum so heftig seine Zweige, dass die Freunde sich kaum auf den Beinen halten konnten. Er sprach:
„Hunderte? Gar tausende Kinder? Ich brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.“
„Na dann, wünschen wir dir viel Spaß mit den Kindern. Dann ist es aus und vorbei mit der Ruhe. Tja, so sind sie nun mal die lieben Kleinen.“
Sie drehte sich um und flog zu ihren Freunden. Das Rauschen war verstummt. Eine unheimliche Stille war eingetreten. Der Baum rief ihnen hinterher: „Kommt zurück. Ihr könnt den Schatz haben.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Anderswälder. Mit einem Ächzen und Knarren gab der Zauberbaum den Schatz frei. Schnell holte ihn Meelan heraus. Die Anderswälder bedankten sich und eilten davon. Hinter ihnen halte die Stimme des Baumes: „Ruhe, ich brauche Ruhe…“
Per Gedankenübertragung hatte Carlotta Gerlinde die gute Botschaft übermittelt. Gerlinde freute sich riesig, als die Anderswälder mit dem Schatz ankamen. Die Freunde erzählten ihr was sie alles erlebt hatten und wie Annomé den Zauberbaum überlistet hatte.
„Also Annomé, dein Geistesblitz, der muss ja wohl belohnt werden. Schließ mal bitte deine Augen.“
Rasch lief Gerlinde in die Küche, holte ein Tablett und hielt es unter Annomés Nase. Sie sagte: „Jetzt kannst du die Augen wieder aufmachen.“
Die Freunde reagierten blitzschnell und hielten sich die Ohren zu. Es war keine Zeit mehr, Gerlinde vorzuwarnen. Diesen Schrei, als Annomé die Augen öffnete und ein Tablett voller köstlicher Himbeertörtchen sah, würde Gerlinde wohl ihr Leben lang nicht vergessen. Fast hätte sie das Tablett fallen gelassen.
„Himbeertörtchen“, rief Annomé. Sie war außer sich vor Freude. „Die schönsten und bestimmt auch die leckersten Himbeertörtchen von der ganzen Welt.“
Es war noch ein lustiger Abend und alle zusammen feierten sie den guten Ausgang der Schatzsuche. Die Anderswälder beschlossen die Nacht in der Back Company zu verbringen um den Schatz zu bewachen. Alle freuten sich auf das morgige Fest und waren gespannt, was sie alles erleben würden.
Annomé hatte es sich auf einem kuscheligen Kissen im Verkaufsraum gemütlich gemacht. Sie schloss die Augen. In Gedanken durchlebte sie noch einmal das Abenteuer der Schatzsuche und flog durch das magische Strundetal. Von ganz weit vernahm sie die Stimme des Zauberbaums. „Ruhe, ich brauche Ruhe…“, dann war Annomé eingeschlafen.

 

Letzter Teil folgt nach dem Strundefest

„Sag mal Eichhörnchen, wo hast du diesen schönen Stein her?“, fragte Annomé.

„Der lag da hinten einfach so im Gras“, antwortete das Eichhörnchen und kletterte flink an einem Baum hoch. Dann sprang es auf einen anderen Baum und schon war es verschwunden.
„Wir ziehen weiter Freunde“, sagte Jasper. „Wie es ausschaut, sind wir auf dem richtigen Weg. Vielleicht hat Ogelot in der Eile ein paar Steine aus dem Kästchen verloren. Dann werden sie uns den Weg weisen. Denkt bitte weiterhin an den Schatz, auch du Annomé“, sagte Jasper.
„Ja, ja, ja. Ich bemühe mich ja. Dachte, wir hätten ihn schon gefunden.“
„Tja“, sagte Carlotta schmunzelnd, „die Dinge sind nicht immer so wie sie zu sein scheinen.“
Und weiter ging es kreuz und quer durch das Strundetal. In einem Waldgebiert entdeckte Annomé am Rande eines Teiches drei weitere Elfensteine.

„Kommt her, kommt schnell!“, rief sie. „Hier liegen auch Elfensteine.“
„Tatsächlich“, sagte Thilion, „die sind aus der Schatzkiste.“
Annomé schaute auf den Teich. „Oh je“, sagte sie, „hoffentlich hat Ogelot den Schatz nicht hier versenkt. Und seht mal, da schaut ein seltsamer Fisch aus dem Wasser. Also nicht ganz, nur der Rücken. Der bewegt sich auch gar nicht. Vielleicht ist es ein Teichungeheuer, das den Schatz bewacht.“
„Annomé, du hast echt eine blühende Phantasie“, sagte Carlotta. „Der Fisch ist doch aus Stein. Von wegen Teichungeheuer.“
Carlotta sauste mit ihrem Besen kreuz und quer über das Wasser „Auf dem Grund ist der Schatz jedenfalls nicht.“
„Vielleicht ist das Teichungeheuer schon so alt das es versteinert ist“, sagte Annomé. Sie fand ihre Vorstellung von einem Ungeheuer das den Schatz bewachte einfach großartig.
Jasper räusperte sich und sagte: „Hier wurde tatsächlich mal ein uralter Fisch gefunden.“
„Hatte ich also doch recht“, sagte Annomé triumphierend.
„Na ja,“, sagte Jasper, „es ist nicht dieser Fisch hier. Es war der Abdruck eines Fisches im Stein der 385 Millionen Jahre alt war. Sein Name, Ctenurella gladbachensis, erinnert an den Fundort hier im Strundetal.
Annomé sagte: „Ich frag erst gar nicht woher du das schon wieder weißt Jasper. Und 385 Millionen Jahre, die kann sich mein kleines Elfenköpfchen gar nicht vorstellen.“
Carlotta sammelte die Elfensteine ein und sagte: „In deinem Elfenköpfchen ist eh nur Platz für Törtchen.“
„Gar nicht“, sagte Annomé protestierend. Gleichzeitig tauchte das Bild von dem leckeren Baubeerkuchens auf, den sie bei Gerlinde verspeist hatte. Hm, dachte sie, ein kleines Hüngerchen hätte ich auch schon wieder. Schatzsuche macht echt hungrig.
Nachdem die Freunde die nähere Umgebung des Teiches abgesucht hatten sagte Thilion: „Hier ist der Schatz auf jeden Fall nicht. Wer weiß, wie die Edelsteine hierhin gekommen sind.“
„Lasst uns weiter ziehen Freunde“, sagte Farina. „Ich glaube ganz fest daran, dass wir den Schatz finden werden. Gemeinsam haben wir schon so viel geschafft, wir werden auch diese Aufgabe lösen.“

Auf ihrer Reise kamen sie an einem großen Banner vom Strundetal-Fest vorbei. Jasper deutete darauf und sagte: „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit um den Schatz zu finden.“
Die Freunde nickten stumm. Nach einer Weile gelangten sie zu einer Quelle. Jasper sprach: „Das ist die Quelle der Strunde. Hier entspringt sie, wird zum Bach, dann zum Flüsschen und mündet schließlich in Köln in den großen Fluß Rhein.“
Annomé staunte mal wieder über Jaspers Wissen. „Sag mal Jasper, woher weißt du das alles. Wo bekommst du alle diese Informationen her? Ich glaube, es gibt nichts, was du nicht weiß. Ich wünschte, ich hätte auch so ein gutes Gedächtnis wie du.“
„Ich lese sehr viel. Und alles weiß ich auch nicht. Wenn ich etwas ganz Spezielles wissen möchte, dann wisst ihr ja wo ich mir die Information herhole.“
„Aus der Akasha Chronik“, sagten alle im Chor.
„Genau, sagte Jasper. Die Bibliothek des Lebens, wo alles geschrieben steht, was hier auf der Erde geschehen ist. Ihr wisst, dass sie uns schon gute Dienste geleistet hat.“
Annomé war ganz dicht an die Quelle geflogen. Kleine Bläschen stiegen immer wieder vom Grund nach oben. Jetzt hatte sie etwas entdeckt. „Kommt her, kommt ganz schnell her!“, rief Annomé aufgeregt.
Die Freunde starten auf das seichte Wasser und staunten. Auf dem Grund entdeckten sie doch tatsächlich vier Elfenedelsteine.
Annomé hielt den Finger auf ihre Lippen und flüsterte: „Pst, ganz leise. Ich glaube, die Quelle will uns etwas sagen.“
Ganz konzentriert hörte Annomé zu. Nach kurzer Zeit sagte sie endtäuscht:
„Ich kann die Quelle nicht verstehen, die nuschelt so.“
„Aber ich habe sie verstanden“, sagte Farina schmunzelnd. „Sie sagt, wir sollen in Richtung Papiermuseum gehen. Ganz dicht am Ufer der Strunde hat Frau Rabe ihr Nest. Sie weiß wo der Schatz ist.“
Die Freunde bedanken sich ganz herzlich bei der Quelle für die Information und wünschten ihrem Wasser eine gute Reise auf dem Weg in den großen Fluss Rhein. Nun hatten es die Freunde eilig. Immer an der Strunde entlang gelangten sie an den beschriebenen Ort. Und tatsächlich, hier lagen so einige Edelsteine herum. Bald hatten sie Frau Rabe entdeckt, die einen wunderschönen großem Elfenstein im Schnabel hatte.
„Sag mal Frau Rabe“, fragte Jasper, „wo hast du diesen wunderschönen Stein her?“
„Das sage ich nicht“, bekam er als Antwort.
„Warum willst du uns das nicht sagen?“, fragte er.
„Meine kleinen Rabenkinder spielen so gerne mit den bunten Steinen. Wenn ich euch sage wo die sind, nehmt ihr sie bestimmt alle mit. Dann habe ich keine mehr für meine Kinder. Denn beim wilden Spiel der keinen Racker gehen dauernd welche verloren.“
Oh je, dachte Annomé. Der Elfenschatz wird also von den Rabenkindern im ganzen Strundetal verteilt. Wenn sie ihn nicht schnellstens finden, würde bestimmt bald nichts mehr davon übrig sein.
„Na gut“, sagte Jasper, „dann eben nicht. „Wir wünschen dir noch einen schönen Tag Frau Rabe.“
Jasper setzte sich wieder in Bewegung. Annomé wollte das nicht glauben. Sie rief: „Aber Jasper, wir können doch nicht einfach weitergehen. Frau Rabe muss uns sagen, wo sie die Steine gefunden hat. Wir sind so nahe dran.“
„Ich muss gar nichts“, sagte Frau Rabe.
„Wir gehen weiter“, sagte Jasper sehr eindringlich.
„Aber…“, startete Annomé noch einen Versuch und verstummte. Carlotta war an ihre Seite geflogen und zischte: „Flieg weiter Annomé, flieg einfach weiter.“
Alle hatten wohl verstanden, was Jasper vorhatte, nur Annomé nicht.
Die Freunde aus dem Anderswald kamen an einen Platz, wo viele kleine Häuschen standen.
„Hier machen wir eine Pause“, sagte Jasper.
Annomé wollte gegen die Pause protestieren. Sie fand, es war gar keine Zeit Pause zu machen. Sie mussten sich beeilen um den Schatz zu finden.
„Annomé hat es immer noch nicht verstanden“, sagte Meelan und lachte.
„Häh? Was habe ich nicht verstanden.“
„Thilion“, sagte Jasper, übernimmst du die Verfolgung von Frau Rabe? Aber pass auf, dass sie dich nicht sieht und Verdacht schöpft.“
„Bin schon unterwegs“, sagte Thilion und flog davon.
„Ach sooo ist das“, sagte Annomé und grinste. Sie schaute sich um. „Wo sind wir hier eigentlich? Alles sieht ein bisschen komisch aus.“
„Das hier ist das Papiermuseum wovon die Quelle sprach“, sagte Jasper. „Die Stadt Bergisch Gladbach ist berühmt für ihre Papierherstellung.“
Was der wieder alles weiß, dachte Annomé. An einem Gebäude entdeckte sie ein großes Rad. Ein Bach, der an dem Haus vorbeifloss, brachte das Rad dazu, dass es sich ständig drehte.
„Komm mal her Carlotta“, rief sie nach ihrer Freundin, „ich habe was Tolles entdeckt.“
Es dauerte nicht lange, da hörten die Freunde, wie Carlotta und Annomé vor Vergnügen quietschten. Sie liefen zu dem großen Wasserrad. Carlotta und Annomé setzten sich oben auf eine Schaufel des Rades und fuhren hinunter in Richtung Wasser. Kurz bevor das Rad ins Wasser tauchte flogen sie schnell wieder nach oben und erneut ging es hinab.
„Was für ein lustiges Karussell!“, rief Annomé vergnügt.
Jasper schaute zu den beiden hinunter und schüttelte den Kopf. „Das Karussell ist ein Wasserrad und hat früher eine Mühle angetrieben“, sagte er.
„Ach“, sagte Annomé verblüfft. Und wäre vor Staunen über Jaspers Aufklärung beinahe im Wasser gelandet. Erst als Thilion aufgeregt oben am Wasserrad auftauchte und rief: „Ich weiß wo der Schatz ist, kommt schnell“, fiel Annomé wieder ein, warum sie überhaupt hier waren. Das hatte sie vor lauter Karussell fahren schon wieder vergessen. Gespannt schauten alle auf Thilion.
„Kommt mit!“, rief er aufgeregt und flog eilig davon.

Fortsetzung folgt am Samstag den 31.08.2019

Gerlinde war wie gelähmt. Wer oder was war das gerade? Wie hypnotisiert ging sie zur Hintertür und verschloss sie. Dann lief sie ins Büro. Die Schublade stand offen, der Elfenschatz war weg. Ihre Knie begannen zu zittern. Sie musste sich setzten. Die Polizei. Sie musste die Polizei verständigen. Aber was sollte sie ihnen sagen? Mir wurde der Elfenschatz gestohlen von einem Wesen mit glühenden Augen und rauchenden Fingern? Schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Ihre Freunde aus dem Anderswald musste sie rufen. Annomé hatte ihr erklärt wie das ging. Annomé, mit ihren Konzentrationsschwierigkeiten, wäre in diesem Fall wohl eher die falsche Ansprechpartnerin. Sie entschied sich für Carlotta. Hoffentlich würde es überhaupt klappen. Sie stand auf, ging in den Verkaufsraum und suchte sich ein schönes Plätzchen im Cafébereich. Ganz tief atmete sie ein paarmal in ihr Herz ein und aus. Sie schloss die Augen und dachte intensiv an Carlotta. In Gedanken rief sie mehrmals: „Carlotta, hier ist Gerlinde. Bitte melde dich.“ Sie wunderte sich selber, dass es tatsächlich funktionierte und erschrak ein wenig, als sie Carlottas Stimme in ihren Gedanken vernahm die sagte: „Hallo Gerlinde, was ist los?“ Sie schilderte Carlotta alles was geschehen war. Carlotta antwortete ihr, dass sie ihre Freunde verständigen würde und gleich morgen früh kämen sie zur Back Company.

Ganz früh, bei Sonnenaufgang, trafen die Anderswälder bei der Back Company ein. Nach Gerlindes Beschreibung wussten sie sofort, wer der Dieb war.
„Das war Ogelot, ganz klar“, sagte Jasper. „Habe mich schon gewundert, dass wir so lange nichts von ihm gehört haben. Ogelot, ein Zauberer der übelsten Sorte.
„Oh Schreck“, sagte Gerlinde, „ihr meint, das war wirklich der Zauberer aus der Geschichte Der Anderswald? Der sah ja noch viel schlimmer aus, als ich ihn mir beim Lesen vorgestellt hatte. Furchtbar gruselig.“ Gerlinde schüttelte sich.
„Der schöne Elfenschatz“, jammerte Annomé. „Er war doch schon angekündigt.  Die Kinder werden sehr traurig sein, wenn es keine Elfensteine gibt.“
„Wir werden ihn wiederholen“, sagte Meelan entschlossen.
„Ja,“, sagte Thilion, „lasst uns keine Zeit verlieren.“
„Aber wie wollt ihr den Schatz finden? Wo wollt ihr danach suchen?“, fragte Gerlinde.
„Wir haben schon einmal einen Schatz wiedergefunden und ihr wisst alle, dass wir ihn nicht mit dem Verstand gefunden haben“, sagte Farina.
„Dann werden wir es wieder genauso machen wie damals“, sagte Fips.
Jeder wusste was gemeint war. Sie schlossen die Augen und stellten sich ihre Schatzkiste vor und wie sie sich fühlen würden, wenn sie sie wiederfanden. Nach einem kurzen Augenblick sagte Thilion: „Jasper, gehst du wieder voran?“
Jasper nickte und ohne ein weiteres Wort zogen die Anderswälder los durchs Strundetal.
„Ich wünsche euch viel Glück und gutes Gelingen!“, rief Gerlinde ihnen hinterher. Immer wieder holten sich die Freunde das Bild vom Schatzkästchen in ihre Gedanken. Und immer wieder das Gefühl der Freude, in dem Augenblick, wenn sie es finden würden. Sie wussten alle, wie machtvoll Gedanken sein konnten. Für Annomé war es mal wieder eine echte Herausforderung. Sich längere Zeit auf einen Gedanken zu konzentrieren, oh je, sie wüsste was sie lieber täte. Zum Beispiel auf Törtchenjagd gehen. Ja, das war ein lustiger Gedanke. Sie stellte sich vor, wie eine ganze Horde bunter Törtchen vor ihr floh und sie hinterherjagte um sie zu fangen. Bei diesem Gedanken musste sie laut lachen. Carlotta war neben sie geflogen und sagte: „Na, wo bist du den wieder Gedanklich unterwegs? Ich glaube, ein Schatzkästchen kommt gerade nicht in deinen Gedanken vor oder?“
Annomé fühlte sich ertappt. „Och Carlotta, woher weißt du, dass mir das Schatzkästen gedanklich abhandengekommen ist?“
„Weil ich dich so gut kenne. Ich kann förmlich in deinem Gesicht lesen. Also, verrätst du mir, wo du dich in deiner Gedankenwelt wieder rumgetrieben hast?“
„Ähm, ja weißt du, also ich war…“ Als sich Annomé die Törtchenjagd wieder vorstellte, musste sie so lachen, dass sie nicht mehr sprechen konnte. Elfen können nämlich sehr, sehr albern sein. Annomé war froh, dass in diesem Moment Jasper rief: „Kommt mal alle her, ich habe etwas Interessantes entdeckt.
Jasper deutete auf ein Eichhörnchen, das im Gebüsch hockte. Statt einer Nuß hielt es einen Elfenedelstein zwischen den Pfoten. Annomés Herzchen begann wie wild zu pochen. Sollten sie etwas so schnell den Schatz gefunden haben? Schnell flog sie zu dem Eichhörnchen.

Fortsetzung folgt Freitag den 30.08.2019

Gerlinde konnte es nicht fassen und machte große Augen, als die Anderswälder ihr eine kleine Schatztruhe randvoll gefüllt mit Elfenedelsteinen präsentierten.
„Oh sind die so wunderschön“, sagte sie. „Die Kinder werden staunen, wenn sie diese tolle Schatzkiste sehen. Und wie werden sie sich freuen, wenn sie sich einen magischen Stein aussuchen dürfen. Wie die glitzern und funkeln. Die Magie dieser Steine, ich kann sie fühlen. Was für ein großzügiges Geschenk eures Elfenkönigs. Ich würde mich so gerne persönlich bei ihm bedanken.“
„Das kannst du“, sagte Thilion freudig. „Meine Eltern kommen mit ihrem ganzen Hofstaat zum Fest. Mein Vater war sofort damit einverstanden, diese kleine Schatztruhe zu füllen. Er sieht das Fest als einen weiteren Schritt zur Vereinigung der Welten. Denn bei diesem Strundetal Verein scheint es Menschen zu geben, die an uns glauben, hatte er gesagt. Denn sonst würden sie wohl kaum ein Fest feiern unter dem Motte Mythen, Märchen und Sagen, meinte er.“
„So gut es ging habe ich die Elfenedelsteine ins grobstoffliche gezaubert“, sagte Carlotta. „Manche Steine haben immer noch etwas Feinfeinstoffliches, denn sie sind ultraleicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Sind halt Elfenedelsteine. Es werden viele Bewohner aus dem Anderswald kommen. Ich habe überall Gerlindes Einladungsflyer zum Strundetal-Fest verteilt. Alle freuen sich schon.“
„Na dann wird es ganz bestimmt ein ZAUBERhaftes Fest“, sagte Gerlinde glücklich.
„Nur noch ein paar Tage, dann ist es soweit. Es gibt noch so viel zu tun.“
„Wir ziehen dann mal wieder los“, sagte Carlotta. „Werde noch ein paar Flyer in den Außenbezirken abwerfen.“
„Bevor ihr geht“, sagte Gerlinde, „wenn ich noch etwas wissen muss oder eure Hilfe benötige, wie erreiche ich euch?“
„Na, das ist doch ganz einfach“, antwortete Annomé. „So wie es in den Anderswald-Büchern steht. Die Augen schließen, gaaanz ruhig werden, sich voll und ganz auf einen von uns konzentrieren und ihn in Gedanken rufen.“
Carlotta lachte. „Gaaanz einfach. Das sagt die Richtige, die eine Meisterin im nicht konzentrieren ist.“
Auch die anderen hielten sich die Bäuche vor Lachen.
„Ha, ha, ha. Ihr werdet euch noch wundern“, sagte Annomé. „Ich lerne das schon noch mit dem konzentrieren und so.“
„Ach bitte nicht Annomé“, sagte Meelan schmunzelnd, „dann haben wir doch nichts mehr zu lachen.“

Als sich die Freunde verabschiedet hatten, ging Gerlinde mit ihrem kostbaren Schatz ins Büro. Sie schaute sich um und entschied sich für die große Schublade im Schreibtisch. Schnell war der Schatz darin verstaut und die Schublade verschlossen. Den Schlüssel steckte sie in ihre Hosentasche. Fröhlich pfeifend ging sie in den Laden.

Es war Abend geworden. Die Arbeit war für heute getan und der letzte Kunde hatte den Laden verlassen. Noch schnell die Tasche und den Schatz aus dem Büro holen und dann ab nach Hause, dachte Gerlinde. Auf dem Weg zum Büro hörte sie ein Geräusch. Was war das? Außer ihr war niemand mehr hier. Heftig begann ihr Herz zu pochen. Vorsichtig schaute sie in den Flur, der zum Büro führte. Was sie nun sah, lies sie erstarren. Ein furchterregendes Wesen, mit Hut und langem Bart kam aus dem Büro. Seine Hände waren lang und knochig. Aus seinen Fingerspitzen traten kleine Rauchwolken. Mit glühenden Augen schaute er kurz zu Gerlinde. Sein hämisches Lachen hallte durch das ganze Gebäude. Er verschwand durch die Hintertür in der Dunkelheit und mit ihm der Elfenschatz.

 

Fortsetzung folgt am Donnerstag den 29.08.19

Abenteuer im Strundetal Teil 5

„Da kommt sie“, rief Annomé aufgeregt. Sie zeigte auf ein silbernes Auto. Gerlinde und Andrea verstanden sich vom ersten Augenblick an. Es war, als würden sie sich schon ewig kennen. Gerlinde hatte viele Fragen, die die Anderswälder und Andrea ihr geduldig beantworteten. Mit Begeisterung planten sie dann gemeinsam ihren Auftritt beim Strundetalfest.  Die Back Company würde sich an diesem Tag in eine magische Waldbäckerei verwandeln. Unter anderem würde es an ihrem Stand ein geheimnisvolles Rätsel für Kinder geben. Einen zauberhaften Keks aus der Waldbäckerei, und ein Anderswald-Lesezeichen von Andrea sollten die Kinder für die Auflösung des Rätsels bekommen.
„Wie wäre es“, sagte Meelan, „wenn auch wir etwas zum Strundetalfest beisteuern?“
„Was denn?“, fragte Gerlinde.
Meelan grinste. „Wie wäre es mit ein paar Elfenedelsteinen? Wir könnten unseren Elfenkönig Togen fragen, ob er eine kleine Schatztruhe entbehren könnte. Die Kinder könnten sich dann zusätzlich als Belohnung einen Elfenedelstein aussuchen.“
Gerlinde staunte. „Meint ihr wirklich, euer König würde uns für die Kinder etwas aus seinem Schatz geben?“
Jasper sprach: „Gerlinde, du hast die Anderswald-Bücher gelesen. Du kennst unsere Aufgabe, die Welt der Menschen und die der feinstofflichen Wesen wieder zu vereinen. So, wie es vor unendlich langer Zeit schon einmal war. Unser Elfenkönig Togan unterstützt unsere Mission wo er nur kann. Ihm ist an einer freundschaftlichen Verbindung zu den Menschen sehr gelegen. Das Strundetalfest wird er als willkommene Gelegenheit sehen, um mit den Menschen friedlich in Kontakt zu treten. Deshalb wird er ganz bestimmt unseren Wunsch erfüllen.“ Nun wandte sich Jasper an Thilion. „Du als sein Sohn, könntest ihn fragen.“
„Das werde ich tun“, sagte Thilion, „sobald wir zurück sind. Carlotta, du müsstest den Elfenschatz dann noch in feste Materie zaubern, denn auch er ist feinstofflich wie wir.“
Carlotta schwang ihren Zauberstab. „Das kriege ich schon ratz-fatz hin.“
„Das wäre phantastisch!“, rief Gerlinde begeistert. „Andrea, könntest du vielleicht den Kindern aus deinen Büchern vorlesen und etwas über den Anderswald erzählen?“
„Na klar, das mache ich gerne“, antwortete Andrea. „Das wird bestimmt ein ZAUBERhaftes Fest. Ich habe gerade mal in der Broschüre vom Strudetal e.V. gestöbert. Was die alles an diesem Tag anbieten, besonders auch für Kinder, ist einfach großartig.“
Als alles besprochen war, verabschiedeten sich alle voneinander. An der Tür drehte sich Gerlinde um und schaute ihren neuen Freunden hinterher, wie sie im Wald auf der anderen Straßenseite verschwanden. Glücklich seufzte sie und öffnete die Tür. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie aus einem der Blumenkübel eine graue Rauchwolke aufstieg und in Richtung Wald abzog. Sie lief zum Blumenkübel. Hatte dort jemand etwas verbrannt? Doch sie konnte nichts entdecken, was diese Rauchwolke ausgelöst haben könnte, auch keinen Zigarettenstummel. Noch einmal schaute sie der Rauchfahne hinterher und ging dann Schulter zuckend in den Laden.

Es war alles so aufregend, dass keiner von ihnen bemerkt hatte, dass der böse Zauberer Ogelto sie belauscht hatte. Im Gegensatz zum Elfenkönig Togan, tat er alles, um die Vereinigung der Welten zu verhindern.  Er war den Freunden vom Anderswald heimlich bis hierher gefolgt. Es war ihm gleich verdächtig vorgekommen, als sie heute morgen in Richtung Menschen-Stadt losgezogen waren.
Ganz klein hatte er sich gezaubert und in dem Blumenkübel versteckt, der in der Nähe des Tisches stand, wo seine Feinde saßen. Das die Menschen und die Feinstofflichen hier gemeinsam ein Fest feiern wollten, dass passte ihm ganz und gar nicht. Ihm würde schon was einfallen, um ihnen zu schaden.
Nach seinen letzten Begegnungen mit der menschenfreundlichen Bande aus dem Anderswald, musste er unbedingt eine direkte Konfrontation mit ihnen vermeiden. Immer besser gelang es ihnen, sich in das schreckliche Licht zu hüllen, das aus ihren Herzen kam, sobald sie ihn erblickten. Ogelot schüttelte sich, wenn er an dieses Licht dachte. Dieses Licht, schwächte seine dunkle Macht mehr und mehr. Das musste endlich ein Ende haben.
Als alle verschwunden waren, löste er sich in Rauch auf und folgte den
Anderswäldern.

Fortsetzung folgt am Mittwoch den 28.08.19

Abenteuer im Strundetal Teil 4

Mit einem Ruck richtete sich die Frau auf und stürmte davon.
„Nix wie weg hier, bevor sie wiederkommt,“ flüsterte Annomé.
Während sie eilig ihre Deckung hinter dem Kuchenblech verließen, holte Carlotta ihren Zauberstab aus ihrem Zauberrucksack. „Für alle Fälle“, sagte sie.
Ein Lächeln huschte über Annomés Gesicht. „Ach ja, du kannst ja zaubern Carlotta. Das hatte ich doch glatt in der Aufregung vergessen.“
„Ob du es glaubst oder nicht Annomé, ich hatte mich so erschrocken, dass ich es für einen Moment selber vergessen hatte.“
Gerade wollten sie aus der Öffnung hinter der Kuchentheke fliegen, da tauchte die Frau dort auf. Mit ausgebreiteten Armen versperrte sie ihnen den Weg.
„Mach sofort den Weg frei!“, rief Carlotta mit kämpferischer Stimme. „Sonst verzaubere ich dich in, in…, ja, in was denn?“, fragend schaute sie Annomé an.
„Einen Elefant“, rief diese aufgeregt.
„Zu groß!“, sagte Carlotta.
„Äh, ähm, in einen Löwen!“, sagte Annomé.
„Zu gefährlich für uns“, sagte Carlotta.
„Lieber was Kleines“, sagte Fips mit piepsiger Stimme.
Carlotta und Annomé schauten auf Fips. Dann schauten sie sich an, nickten und sagten grinsend wie aus einem Mund: „Zwerg.“
Carlotta wollte gerade ihren Zauberstab schwingen, da rief die Frau: „Bitte nicht in einen Zwerg verzaubern, ich tu euch doch nichts. Großes Elfenehrenwort. Ich möchte nur das ihr hier bleibt.“
Annomé schaute sich um. Hierbleiben? Na ja, wäre ja nicht so übel in einer Kuchentheke gefangen zu sein. Jeden Tag bekäme sie die schönsten Kuchen und Törtchen serviert. Und, es würde ihr gar nichts anderes übrigbleiben als sie zu essen. Was sollte sie auch sonst den ganzen Tag in einer Kuchentheke tun? Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihr Elfenbäuchlein runder und runder werden. Sie würde so schwer werden, dass sie nicht mehr fliegen könnte. Vor Kummer würde sie noch mehr Kuchen essen. Annomé erschrak, als Carlotta sie mit einem liebevollen Rempler aus ihrer Gedankenwelt holte.
„Hexe an Elfe, wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken. Hier ist jetzt volle Konzentration gefragt. Nach meinem Zauber machen wir sofort den Abflug. Verstanden?“
Annomé nickte. Oh je, immer wieder verlor sie sich in ihrer Gedankenwelt. Jetzt konzentrierte sie sich aber. Wieder begann Carlotta ihren Zauberstab zu schwingen. Doch dann hielt sie inne.
Die Stimme der Frau klang sanft und gar nicht gefährlich, als sie weitersprach. „Ich kann es kaum glauben, dass ich euch sehen kann. Also gibt es euch Naturgeister wirklich.“ ‚„Natürlich gibt es uns!“, sagte Annomé empört. „Sonst könntest du uns wohl kaum sehen.“ Annomé zog ihre Stirn in Falten. „Hm, warum kannst du uns überhaupt sehen?“
„Ich, ich weiß nicht oder vielleicht doch?“, antwortete die Frau zögerlich. Sie war einen Moment in Gedanken versunken: „Ich glaube, ich weiß jetzt warum ich euch sehen kann. Bitte gebt mir die Gelegenheit mit euch zu reden.“
Die drei schauten sich an und nickten zustimmend. „Na gut“, sagte Carlotta, „wir können reden. Wir müssen noch unsere Freunde verständigen, die schwirren hier irgendwo im Laden rum.“ Zwei Einhörner und zwei Elfenjungs.“
„Waaas?“, rief die Frau, „noch mehr Elfen und Einhörner auch?  Ein freudiges Strahlen breitete sich in ihrem Gesicht aus. Kommt mit, wir setzten uns nach draußen, da sind wir ungestört.“
Schnell waren die anderen Anderswälder verständigt. Nun hatten sich alle um einen Tisch versammelt, der etwas Abseits stand.
Die Frau sprach: „Ich heiße Gerlinde Müller und meinem Mann und mir gehört die Back Company.“
Oh, dachte Annomé, was für eine süße Bekanntschaft. Dabei fiel ihr ein, dass sie immer noch keinen Kuchen gegessen hatte.
„Vor einiger Zeit habe ich mit meiner Tochter eine Geschichte gelesen, die von Naturgeistern und ihrer Verbindung zu den Menschen handelt. Ich fühlte mich wie verzaubert von der Geschichte. Sie heißt, Der Anderswald.“
Stumm schauten die Freunde sich an. Einen Moment war es ganz still. Dann sprach Jasper: „Der Anderswald, ist der gleiche Wald, durch den auch die Menschen spazieren und doch ist er so anders. Denn hier gibt es Elfen, Feen, Zwerge, Einhörner, Hexen und viele andere Naturgeister. Verwunschene Lichtungen, magische Orte und sprechende Bäume, gehören ebenfalls zum Anderswald. Da die meisten Menschen keinen Zugang zur Welt der feinstofflichen Wesen haben, können sie all dies nicht sehen, wenn sie durch den Wald gehen.“
Gerlinde stutzte einen Moment. „Das was du gerade gesagt hast, das steht genauso in dem Buch das ich gelesen habe. Woher weißt du…“
Jetzt platzte es förmlich aus Annomé heraus: „Aber das sind doch wir Gerlinde!“, rief sie. „Wir sind die Anderswälder!“
Gerlinde legte ihre Hand aufs Herz. „Das gibt es doch gar nicht“, flüsterte sie. „Ich glaube, ich träume doch.“
„Nein, du träumst nicht“, sagte Annomé und kicherte. Reihum stellte sie ihre Freunde vor. Gerlinde schüttelte immer wieder den Kopf und sagte: „Wie kann das sein?“ Jetzt zeigte sie auf Annomé. „Dann musst du die nachhafte Elfe Annomé sein.“
Glücklich strahlte Annomé. „Ja, die bin ich. Ohne meine Vorliebe für Kuchen und Kekse hätten wir uns überhaupt nicht kennen gelernt. Und weißt du was, die die Bücher, Der Anderswald, geschrieben hat, die kennen wir. Das ist unsere Freundin Andrea. Der haben wir nämlich die Geschichte und unsere Abenteuer erzählt und die hat alles aufgeschrieben. Das war ein Spaß.“
„Das ist ja großartig“, rief Gerlinde. Sie holte ganz tief Luft, schaute die Anderswälder an und sagte aufgeregt: „Mir kommt da gerade eine wunderbare Idee. Der Strundetal e.V. veranstaltet am ersten September ein Strundetal-Fest. Da machen wir auch mit. Das diesjährige Motto ist märchenhaft, nämlich Mythen, Märchen und Sagen. Von hier bis Herrenstrunden wird die Straße gesperrt. Überall gibt es tolle Aktionen wie Kutschfahrten, Ponyreiten für Kinder, Stelzenläufer, Wahrsagerin, Bühnenprogramme, Straßenkünstler, Musik und vieles, vieles mehr. Wie wäre es, wenn ihr und eure Freundin Andrea bei unserer Back Company zu Gast seid?“
Oh ja, ein Fest. Ich liebe Feste“, rief Annomé. „Da gibt es immer leckere Sachen.“
Annomé strahlte über ihr ganzes Elfengesicht. „Carlotta, kannst du nicht schnell zu Andrea fliegen und sie fragen ob wir da mitmachen können?“
„Bin schon unterwegs.“ Blitzschnell war Carlotta gestartet, dass es nur so donnerte. Über dem Parkplatz machte sie noch zwei Loopings und war auch schon nicht mehr zu sehn.
Eine Frau, die gerade ihre Einkäufe in ihr Auto lud schaute nach oben und sagte: „Oh, es gibt bestimmt ein Gewitter. Schnell nach Hause.“
Annomé lachte. Wenn die wüsste, dachte sie. Schade, dass die meisten Menschen all das nicht sehen können. Na ja, aber sie arbeiteten ja dran, dass sich das änderte. Keine leichte Aufgabe, wie Annomé wusste. Sie seufzte. Gerade war sie mal wieder so in Gedanken versunken, dass sie nicht mitbekommen hatte, dass Gerlinde im Laden verschwunden war. Erst als diese einen großen Blaubeerkuchen auf den Tisch stellte, war Annomé sofort wieder im Hier und Jetzt.
„Damit können wir uns die Wartezeit versüßen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern zu Annomé.
Annomé klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Ach was bin ich doch froh, dass ich mich gestern so heftig verflogen habe.“
Alle lachten und freuten sich über die Kuchenspende. Es dauerte nicht lange, da hörten sie ein Sausen und Brausen in der Luft.
Thilion zeigte zum Himmel. „Carlotta kommt.“

Rasant landete sie vor dem Tisch. „Andrea ist schon unterwegs. Müsste auch gleich hier sein. Wohnt nämlich gar nicht so weit weg von hier.“
Alle spürten, dass es der Anfang von etwas Neuem war. Abenteuer lag in der Luft…

 

 

Fortsetzung folgt kommenden Freitag

 

 

Abenteuer im Strundetal Teil 3

Schnell hielten die Freunde aus dem Anderswald sich die Ohren zu. Die Einhörner verbargen ihre Ohren zwischen den Vorderhufen. Und Annomé, die stieß einen lauten schrillen Schrei aus.
Sie war überwältigt. Wo sie auch hinsah, überall die schönsten Köstlichkeiten. Einen Moment war sie wie gelähmt, doch dann gab es kein Halten mehr. Zielstrebig flatterte sie zu dem Teil der Verkaufstheke, wo die Kuchen standen. Ihre Freunde nahmen langsam die Hände von den Ohren. Sie kannten diese Reaktion von Annomé und waren darauf vorbereitet gewesen. Immer wenn sie etwas ganz Besonderes entdeckte, stieß sie einen so lauten Schrei aus, dass ihnen die Ohren fast wegflogen.
„Es ist unglaublich, dass diese kleine zarte Elfe so laut schreien kann“, sagte Meelan.
Carlotta seufzte: „Ja, so isse unsere Annomé. Ich bleibe mal lieber in ihrer Nähe, damit nicht wieder ein Unglück passiert, sie sich verfliegt oder sonst was anstellt. Ihr kennt sie ja. Diese Elfe kann man keine Minute aus den Augen lassen.“
„Ich komme mit dir“, sagte Fips. „Falls du Verstärkung brauchst.“ Grinsend zwinkerte er Carlotta zu.
„Du kannst dich oben auf Wumpi setzten, dann hast du einen guten Überblick.“
Wumpi war Carlottas Zauberrucksack, den sie stets bei sich trug. Sie hatte ihn durch große Zauberkunst erschaffen. Er hatte lange Arme und Beine und ein Gesicht. Wumpi konnte sprechen und sogar singen. Bei seiner Erschaffung hatte sich zwar ein kleiner Zauberfehler eingeschlichen, denn er lispelte ein bisschen, aber das störte niemanden.
Die restlichen Anderswälder schauten sich um. Einige Menschen standen an der Verkaufstheke, andere saßen an Tischen, tranken und aßen etwas. Es sah nicht so aus, als wenn auch nur einer von ihnen sie sehen könnte.
Meelan sagte lachend: „Wenn diese Menschen wüssten, wer hier zu Besuch ist.“
„Es ist ganz gut, dass sie uns nicht sehen können“, sagte Jasper. „Dann kann ich viel besser meine Studie betreiben. Ich habe nämlich herausgefunden, dass manche Menschen, wenn sie durch den Wald sparzieren, spüren können, wenn wir Naturgeister in der Nähe sind. Sie verhalten sich dann plötzlich ganz anders. Mich interessiert, ob ihr Gespür ein anderes ist, wenn sie im Wald oder hier in der Stadt unterwegs sind. Deshalb ist dieser Ort ein wunderbares Studienobjekt für mich.“
Jasper war ein wandelndes Lexikon. Die Freunde staunten immer wieder über sein unerschöpfliches Wissen. Besonders Annomé war es ein Rätsel, wie man so viele Informationen in einem einzigen Kopf speichern konnte. Und dann auch noch bei Bedarf wiederfand.
„Na dann, viel Erfolg bei deiner Studie Jasper“, sagte Meelan.
Und so schwärmten sie aus, um alles zu erkunden. Carlotta hatte es sich neben einer Torte gemütlich gemacht. Schmunzelnd beobachtete sie Annomé. Diese flatterte von einem Kuchenstück zum anderen und konnte sich nicht entscheiden, mit welchem Kuchen sie beginnen sollte. Annomé hatte sich extra klein gemacht, damit sie bequem in die Kuchentheke passte. Die Anderswälder konnten ihren feinstofflichen Körper durch ihre spezielle Energie vergrößern oder verkleinern, gerade so wie sie es brauchten.
Fips machte sich einen Spaß daraus, Annomé von einem Stück Kuchen zum anderen zu locken. Gerade rief er: „Annomé, komm her. Diesen Kuchen musst du versuchen.“
„Oh je“, jammerte Annomé, „so viele leckere Kuchen. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Das ist ja das reinste Kuchenparadies. Ich glaube, die Back Company wird mein zweiter Wohnsitz.“
Carlotta und Wumpi amüsierten sich prächtig über das Schauspiel, dass sich ihnen in der Kuchentheke bot. Annomé flatterte um ein Stück Erdbeerkuchen und sagte fest entschlossen:
„Ganz egal wie köstlich alle Kuchen aussehen, ich beginne jetzt mit diesem hier.“ Gerade wollte sie zugreifen da sagte eine Stimme: „Ich glaub es nicht.“
Vor lauter Kuchen suchen hatten sie die Frau nicht gesehen, die ihre Nase an dem Glas der Verkaufstheke plattdrückte. Fest kniff sie ihre Augen zusammen und öffnete sie dann wieder ganz weit. „Die sind ja immer noch da. Träume ich oder was? Das gibt es doch gar nicht.“ Nun kniff sie sich in den Arm. „Aua!“ rief sie. „Also träume ich auch nicht.“
Carlotta, Wumpi, Annomé und Fips hatten sich furchtbar erschrocken. Konnte diese Frau sie wirklich sehen? Sie wussten das es einzelne Menschen gab, die dies konnten. Sollte diese Frau so ein Mensch sein? War sie Freund oder Feind? Rasch hatten sich die vier so gut es ging hinter einem Kuchenblech versteckt. Ihre feinstofflichen Herzchen klopften wie wild. Annomé hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Nur weil sie so naschhaft war, hatte sie ihre Freunde in diese gefährliche Situation gebracht. Was würde nun geschehen?

Fortsetzung folgt kommenden Freitag

 

Annomés Vorsätze, nur noch positiv zu denken, waren wie weggewischt. Sie zog die Schultern weit bis über ihre Elfenohren. Fest kniff sie die Augen zusammen. Als wenn das was gegen Ogelot den Zauberer genutzt hätte. Gleich, dachte sie, gleich werde ich sein hämisches Lachen hören und dann packt er mich.
„Kannst du mir mal sagen, was du hier treibst?“
Annomé riss die Augen auf. Vor ihr schwebte Carlotta auf ihrem Besen.
„Ach, du bist das. Ich dachte schon es wäre…egal.“
„Annomé, was machst du hier?“
„Tja, hm, na ja, also, weißt du, es ist wie es ist.“
„Na da bin ich aber mal gespannt, wie es ist. Ich warte“, sagte Carlotta. Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und schaukelte auf ihrem Besen hin und her.
Annomé verdrehte die Augen. „Ich habe mich verflogen. Das kann ja mal vorkommen oder?“
„Du hast dich was?“, fragte Carlotta und riss nun ihrerseits die Augen auf. „Ich glaub es nicht. Sowas kann auch nur dir passieren Annomé.“
Ein verlegenes Grinsen machte sich auf Annomés Gesicht breit. „Sag mal Carlotta, wie hast du mich überhaupt gefunden?“
„Der Falke Henry hat dich gesehen. Er hat mir die Richtung gezeigt, in der du verschwunden warst. Du wärst wie fremdgesteuert durch den Wald geflogen, hat er gesagt.“
„Ja, das war ich auch. Ich kann gar nix dafür Carlotta. Riech mal.“ Annomé hielt ihr Näschen in die Luft. „Riechst du das auch? Das kommt von da unten aus dem großen Steinhaus.“
Carlotta schaute den Hang hinunter und schnupperte. „Tatsächlich, hier riecht es verdächtig gut nach Gebackenem.“
„Ob wir mal nachschauen sollen, was diesen zauberhaften Geruch verursacht?“
„Nee Frau Elfenkatastrophe, jetzt geht es erst mal zurück. Die anderen suchen alle nach dir.“
„Och schade“, sagte Annomé traurig.
„Abmarsch! Aufsteigen!“ Carlotta zeigte hinter sich auf ihren Besen.
„Aber bitte nicht wieder so schnell fliegen“, sagte Annomé und klammerte sich ganz fest an Carlotta. „Du weißt, dass ich das nicht vertrage.“
„Ja, ja, ich gebe mir Mühe.“
Und schon legte Carlotta einen Blitzstart hin, dass die Blätter nur so flogen.
„Mir wird schlecht“, stöhnte Annomé und schloss ihre Augen

Sie flogen zu ihren Freunden, die froh waren, dass Annomé nichts geschehen war. Annomé erzählte ihnen von ihrem Abenteuer. Sie schaffte es ihre Freunde zu überreden, gemeinsam mit ihr nochmals diesen geheimnisvollen Ort aufzusuchen. Schon am nächsten Tag ging es ganz früh morgens los.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Oben an der Böschung hielten sie an und schauten ins Tal.
„Back Company”, las Jasper. „Das steht dort oben auf dem Steinhaus.“
„Oh, sagte Annomé und strahlte, „Back Company, das hört sich nach viiiiel Gebäck an.“
„Ich schlage vor“, sagte Jasper, „dass wir das Gebäude erstmal von hier oben beobachten.“
„Aber wieso denn bloß?“, fragte Annomé. Sie wollte unbedingt und jetzt gleich dort hinunter. Sie hatte nur noch Törtchen im Kopf.
„Ich stimme Jasper zu“, sagte Meelan. „Erst mal schauen, ob unser Besuch dort unten keine Gefahr für uns birgt. Und außerdem“, grinsend schaute er zu Annomé, „kann unser Elfchen sich bei der Gelegenheit gleich etwas in Geduld üben.“
„Oh Meelan“, sagte Annomé, „du weißt, dass die Geduld und ich nicht gerade beste Freunde sind.“
„Eben drum“, antwortete Meelan. „Wir üben das jetzt ein bisschen.“
Annomé verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Die Freunde sahen, dass Menschen in das Gebäude hineingingen und mit Tüten wieder hinauskamen.
Nach einer Zeit sagte Thilion: „Ich glaube wir können es nun wagen. Außerdem sollten wir die Geduld von Annomé nicht länger strapazieren. Sonst stürmt sie die Back Company noch im Alleingang.“
„Na endlich“, sagte Annomé erleichtert und flog los.
Fips wechselte von Sir Wieselflinks Rücken auf Carlottas Besen. Sir Wieselflink würde hier oben auf seine Freunde warten. Im Gegensatz zu den Naturgeistern war er für die Menschen sichtbar und durfte deshalb nicht mit.
Als sie vor dem großen Backsteinhaus standen fragte Jasper: „Seid ihr bereit?“ Alle nickten, Annomé ganz heftig. „Wenn sich das nächste Mal die Tür öffnet, treten wir ein.“
Und dann war es soweit. Die Freunde betraten das Haus und blieben wie angewurzelt stehen. Sie wussten was nun geschehen würde.

Fortsetzung folgt kommenden Freitag