Sie folgten Meelan quer durch den Wald des Strundetals. Sie kamen an einer großen Wiese vorbei auf der viele weiße Gänse liefen. Bald entdeckten sie eine kleine gelbe Burg. Dort bog Meelan in einen Weg ein und vorbei ging es an einem Teich und einem Spielplatz. Annomé schaute auf die Rutsche. Das wäre ein Vergnügen, so eine kleine Rutschpartie.
„Denk nicht mal daran“, sagte Carlotta die Annomé beobachtet hatte. „Oder meinst du, wir fliegen hier zum Spaß durch die Gegend.“
„Carlotta, hier müssen wir unbedingt nochmal in Ruhe hin. Das ganze Strundetal, irgendwie fühlt es sich so magisch an, wie unser Anderswald.“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Alles sieht ein bisschen geheimnisvoll und verwunschen aus. Das machen wir Annomé. Sobald der Schatz gefunden ist, werden wir dieses Gebiet mal in Ruhe durchstöbern.“
„Ach ja, der Schatz“, sagte Annomé. „Da war doch noch was zu erledigen.“
Hinter dem Spielplatz ging es wieder in den Wald hinein einen Berg hinauf. Vor einem großen sonderbaren Baum hielt Meelan an. Was jetzt passierte, damit hatte keiner von ihnen gerechnet, Annomé stieß einen Ohrenbetäubenden Schrei aus.
„Oh Annomé!“, rief Meelan. „Bist du verrückt? Ich werde jetzt drei Tage taube Ohren haben.“
„Da, schaut doch, da unten, die Schatzkiste!“, rief Annomé.
„Ich weiß“, sagte Meelan, ich war doch schon hier.“
Zwischen den Wurzeln des Baumes gab es einen Hohlraum. Dort war die Schatzkiste von vielen dicken Wurzeln umschlungen verborgen. Sie war so gut gefüllt, dass sich der Deckel nicht vollkommen schließen ließ. Frau Rabe konnte so mit ihrem spitzen Schnabel die Elfensteine herausholen.
„Ein Zauberbaum“, sagte Jasper.
„Ein was?“, fragte Meelan.
„Das ist ein Zauberbaum. Er ist uralt und seine Wurzeln verlaufen durch Zeit und Raum. Ich glaube, die Menschen wissen gar nicht, was hier in ihrem Wald steht.  Ogelot hat ein kluges Versteck gewählt. So einfach wird der Baum den Schatz nicht hergeben.“
Nun war ein heftiges Rauschen zu hören, das immer lauter und lauter wurde. Der Zauberbaum bewegte seine Zweige, dass ein kräftiger Wind aufkam. Eine Stimme, die tausendfach wiederhalte sprach ganz langsam: „Wer stört mich in meiner Ruhe. Ich brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.“
„Wir gehören zum Volk des Elfenkönigs Togan und kommen um unser Schatzkästchen abzuholen“, sagte Farina. „Danke das du darauf aufgepasst hast.“
„Es ist nicht euer Schatz“, sprach der Baum. „Er gehört mir. Ich habe ihn geschenkt bekommen.“
„Bevor du ihn geschenkt bekommen hast, hat er uns gehört.“
„Das stimmt nicht“, sagte der Baum und bewegte abermals heftig seine Zweige. „Ihr habt mir den Schatz nicht geschenkt. Also kann er auch vorher nicht in eurem Besitz gewesen sein.“
„Aber der der ihn dir geschenkt hat, hat ihn uns vorher gestohlen“, erwiderte Farina wütend.
„Wieso sollte ich euch das glauben.“
Fips zog seine Schleuder aus der Hosentasche. Er flüsterte: „Ich könnte dem Baum mit einem Stein eine verpassen. Vielleicht lässt er vor Schreck das Kästchen los.“
Im nächsten Moment kam ein Zweig angesaust und schlug Fips die Schleuder aus der Hand.
„Aua!“, rief Fips
„Das hätte ich dir gleich sagen können“, sprach Jasper, „dass dies nicht die richtige Methode bei einem Zauberbaum ist.“
Jeder der Freunde versuchte mit Worten den Zauberbaum zu überreden, ihnen den Schatz auszuhändigen. Doch alle Bemühungen waren vergebens.
Irgendwann sprach Jasper resigniert: „Lasst uns gehen, er wird es nicht herausgeben. Ogelot wird es auch nicht wiederbekommen. Es geht ihm auch gar nicht um den Schatz selber, sondern nur darum uns und den Menschen zu schaden.“
Traurig hatten sie sich vom Baum abgewandt um zu gehen. Sie waren so nahe dran. Verzweifelt drehte sich Annomé noch einmal um und rief:
„Die Kinder, sie werden so unendlich traurig und endtäuscht sein.“
„Welche Kinder?“, fragte der Baum. „Kinder stören nur und machen Lärm.“
„Na die Kinder beim Strundetal-Fest. Es war geplant, dass die Kinder sich als Belohnung für die Auflösung eines Rätsels einen Elfenstein aussuchen dürfen.“ Plötzlich hatte Annomé einen Geistesblitz. Wie es aussah, mochte der Baum wohl die Gesellschaft von Kindern nicht. Wie sagte er? Er brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.
„Na gut“, sagte Annomé, „dann sagen wir den Kindern das du den Schatz hast und sie ihren Elfenstein bei dir abholen sollen. Es werden hunderte, ach was rede ich, wahrscheinlich tausende sein, die hier um dich herumspringen.“ Ganz langsam und gedehnt sagte sie: „Den ganzen lieben langen Tag. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und wer weiß, vielleicht gefällt es ihnen hier so gut bei dir, dass sie dich öfters besuchen kommen.“
Diesmal bewegte der Zauberbaum so heftig seine Zweige, dass die Freunde sich kaum auf den Beinen halten konnten. Er sprach:
„Hunderte? Gar tausende Kinder? Ich brauche Ruhe, ganz viel Ruhe.“
„Na dann, wünschen wir dir viel Spaß mit den Kindern. Dann ist es aus und vorbei mit der Ruhe. Tja, so sind sie nun mal die lieben Kleinen.“
Sie drehte sich um und flog zu ihren Freunden. Das Rauschen war verstummt. Eine unheimliche Stille war eingetreten. Der Baum rief ihnen hinterher: „Kommt zurück. Ihr könnt den Schatz haben.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Anderswälder. Mit einem Ächzen und Knarren gab der Zauberbaum den Schatz frei. Schnell holte ihn Meelan heraus. Die Anderswälder bedankten sich und eilten davon. Hinter ihnen halte die Stimme des Baumes: „Ruhe, ich brauche Ruhe…“
Per Gedankenübertragung hatte Carlotta Gerlinde die gute Botschaft übermittelt. Gerlinde freute sich riesig, als die Anderswälder mit dem Schatz ankamen. Die Freunde erzählten ihr was sie alles erlebt hatten und wie Annomé den Zauberbaum überlistet hatte.
„Also Annomé, dein Geistesblitz, der muss ja wohl belohnt werden. Schließ mal bitte deine Augen.“
Rasch lief Gerlinde in die Küche, holte ein Tablett und hielt es unter Annomés Nase. Sie sagte: „Jetzt kannst du die Augen wieder aufmachen.“
Die Freunde reagierten blitzschnell und hielten sich die Ohren zu. Es war keine Zeit mehr, Gerlinde vorzuwarnen. Diesen Schrei, als Annomé die Augen öffnete und ein Tablett voller köstlicher Himbeertörtchen sah, würde Gerlinde wohl ihr Leben lang nicht vergessen. Fast hätte sie das Tablett fallen gelassen.
„Himbeertörtchen“, rief Annomé. Sie war außer sich vor Freude. „Die schönsten und bestimmt auch die leckersten Himbeertörtchen von der ganzen Welt.“
Es war noch ein lustiger Abend und alle zusammen feierten sie den guten Ausgang der Schatzsuche. Die Anderswälder beschlossen die Nacht in der Back Company zu verbringen um den Schatz zu bewachen. Alle freuten sich auf das morgige Fest und waren gespannt, was sie alles erleben würden.
Annomé hatte es sich auf einem kuscheligen Kissen im Verkaufsraum gemütlich gemacht. Sie schloss die Augen. In Gedanken durchlebte sie noch einmal das Abenteuer der Schatzsuche und flog durch das magische Strundetal. Von ganz weit vernahm sie die Stimme des Zauberbaums. „Ruhe, ich brauche Ruhe…“, dann war Annomé eingeschlafen.

 

Letzter Teil folgt nach dem Strundefest