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Abenteuer im Strundetal Teil 4

Mit einem Ruck richtete sich die Frau auf und stürmte davon.
„Nix wie weg hier, bevor sie wiederkommt,“ flüsterte Annomé.
Während sie eilig ihre Deckung hinter dem Kuchenblech verließen, holte Carlotta ihren Zauberstab aus ihrem Zauberrucksack. „Für alle Fälle“, sagte sie.
Ein Lächeln huschte über Annomés Gesicht. „Ach ja, du kannst ja zaubern Carlotta. Das hatte ich doch glatt in der Aufregung vergessen.“
„Ob du es glaubst oder nicht Annomé, ich hatte mich so erschrocken, dass ich es für einen Moment selber vergessen hatte.“
Gerade wollten sie aus der Öffnung hinter der Kuchentheke fliegen, da tauchte die Frau dort auf. Mit ausgebreiteten Armen versperrte sie ihnen den Weg.
„Mach sofort den Weg frei!“, rief Carlotta mit kämpferischer Stimme. „Sonst verzaubere ich dich in, in…, ja, in was denn?“, fragend schaute sie Annomé an.
„Einen Elefant“, rief diese aufgeregt.
„Zu groß!“, sagte Carlotta.
„Äh, ähm, in einen Löwen!“, sagte Annomé.
„Zu gefährlich für uns“, sagte Carlotta.
„Lieber was Kleines“, sagte Fips mit piepsiger Stimme.
Carlotta und Annomé schauten auf Fips. Dann schauten sie sich an, nickten und sagten grinsend wie aus einem Mund: „Zwerg.“
Carlotta wollte gerade ihren Zauberstab schwingen, da rief die Frau: „Bitte nicht in einen Zwerg verzaubern, ich tu euch doch nichts. Großes Elfenehrenwort. Ich möchte nur das ihr hier bleibt.“
Annomé schaute sich um. Hierbleiben? Na ja, wäre ja nicht so übel in einer Kuchentheke gefangen zu sein. Jeden Tag bekäme sie die schönsten Kuchen und Törtchen serviert. Und, es würde ihr gar nichts anderes übrigbleiben als sie zu essen. Was sollte sie auch sonst den ganzen Tag in einer Kuchentheke tun? Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihr Elfenbäuchlein runder und runder werden. Sie würde so schwer werden, dass sie nicht mehr fliegen könnte. Vor Kummer würde sie noch mehr Kuchen essen. Annomé erschrak, als Carlotta sie mit einem liebevollen Rempler aus ihrer Gedankenwelt holte.
„Hexe an Elfe, wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken. Hier ist jetzt volle Konzentration gefragt. Nach meinem Zauber machen wir sofort den Abflug. Verstanden?“
Annomé nickte. Oh je, immer wieder verlor sie sich in ihrer Gedankenwelt. Jetzt konzentrierte sie sich aber. Wieder begann Carlotta ihren Zauberstab zu schwingen. Doch dann hielt sie inne.
Die Stimme der Frau klang sanft und gar nicht gefährlich, als sie weitersprach. „Ich kann es kaum glauben, dass ich euch sehen kann. Also gibt es euch Naturgeister wirklich.“ ‚„Natürlich gibt es uns!“, sagte Annomé empört. „Sonst könntest du uns wohl kaum sehen.“ Annomé zog ihre Stirn in Falten. „Hm, warum kannst du uns überhaupt sehen?“
„Ich, ich weiß nicht oder vielleicht doch?“, antwortete die Frau zögerlich. Sie war einen Moment in Gedanken versunken: „Ich glaube, ich weiß jetzt warum ich euch sehen kann. Bitte gebt mir die Gelegenheit mit euch zu reden.“
Die drei schauten sich an und nickten zustimmend. „Na gut“, sagte Carlotta, „wir können reden. Wir müssen noch unsere Freunde verständigen, die schwirren hier irgendwo im Laden rum.“ Zwei Einhörner und zwei Elfenjungs.“
„Waaas?“, rief die Frau, „noch mehr Elfen und Einhörner auch?  Ein freudiges Strahlen breitete sich in ihrem Gesicht aus. Kommt mit, wir setzten uns nach draußen, da sind wir ungestört.“
Schnell waren die anderen Anderswälder verständigt. Nun hatten sich alle um einen Tisch versammelt, der etwas Abseits stand.
Die Frau sprach: „Ich heiße Gerlinde Müller und meinem Mann und mir gehört die Back Company.“
Oh, dachte Annomé, was für eine süße Bekanntschaft. Dabei fiel ihr ein, dass sie immer noch keinen Kuchen gegessen hatte.
„Vor einiger Zeit habe ich mit meiner Tochter eine Geschichte gelesen, die von Naturgeistern und ihrer Verbindung zu den Menschen handelt. Ich fühlte mich wie verzaubert von der Geschichte. Sie heißt, Der Anderswald.“
Stumm schauten die Freunde sich an. Einen Moment war es ganz still. Dann sprach Jasper: „Der Anderswald, ist der gleiche Wald, durch den auch die Menschen spazieren und doch ist er so anders. Denn hier gibt es Elfen, Feen, Zwerge, Einhörner, Hexen und viele andere Naturgeister. Verwunschene Lichtungen, magische Orte und sprechende Bäume, gehören ebenfalls zum Anderswald. Da die meisten Menschen keinen Zugang zur Welt der feinstofflichen Wesen haben, können sie all dies nicht sehen, wenn sie durch den Wald gehen.“
Gerlinde stutzte einen Moment. „Das was du gerade gesagt hast, das steht genauso in dem Buch das ich gelesen habe. Woher weißt du…“
Jetzt platzte es förmlich aus Annomé heraus: „Aber das sind doch wir Gerlinde!“, rief sie. „Wir sind die Anderswälder!“
Gerlinde legte ihre Hand aufs Herz. „Das gibt es doch gar nicht“, flüsterte sie. „Ich glaube, ich träume doch.“
„Nein, du träumst nicht“, sagte Annomé und kicherte. Reihum stellte sie ihre Freunde vor. Gerlinde schüttelte immer wieder den Kopf und sagte: „Wie kann das sein?“ Jetzt zeigte sie auf Annomé. „Dann musst du die nachhafte Elfe Annomé sein.“
Glücklich strahlte Annomé. „Ja, die bin ich. Ohne meine Vorliebe für Kuchen und Kekse hätten wir uns überhaupt nicht kennen gelernt. Und weißt du was, die die Bücher, Der Anderswald, geschrieben hat, die kennen wir. Das ist unsere Freundin Andrea. Der haben wir nämlich die Geschichte und unsere Abenteuer erzählt und die hat alles aufgeschrieben. Das war ein Spaß.“
„Das ist ja großartig“, rief Gerlinde. Sie holte ganz tief Luft, schaute die Anderswälder an und sagte aufgeregt: „Mir kommt da gerade eine wunderbare Idee. Der Strundetal e.V. veranstaltet am ersten September ein Strundetal-Fest. Da machen wir auch mit. Das diesjährige Motto ist märchenhaft, nämlich Mythen, Märchen und Sagen. Von hier bis Herrenstrunden wird die Straße gesperrt. Überall gibt es tolle Aktionen wie Kutschfahrten, Ponyreiten für Kinder, Stelzenläufer, Wahrsagerin, Bühnenprogramme, Straßenkünstler, Musik und vieles, vieles mehr. Wie wäre es, wenn ihr und eure Freundin Andrea bei unserer Back Company zu Gast seid?“
Oh ja, ein Fest. Ich liebe Feste“, rief Annomé. „Da gibt es immer leckere Sachen.“
Annomé strahlte über ihr ganzes Elfengesicht. „Carlotta, kannst du nicht schnell zu Andrea fliegen und sie fragen ob wir da mitmachen können?“
„Bin schon unterwegs.“ Blitzschnell war Carlotta gestartet, dass es nur so donnerte. Über dem Parkplatz machte sie noch zwei Loopings und war auch schon nicht mehr zu sehn.
Eine Frau, die gerade ihre Einkäufe in ihr Auto lud schaute nach oben und sagte: „Oh, es gibt bestimmt ein Gewitter. Schnell nach Hause.“
Annomé lachte. Wenn die wüsste, dachte sie. Schade, dass die meisten Menschen all das nicht sehen können. Na ja, aber sie arbeiteten ja dran, dass sich das änderte. Keine leichte Aufgabe, wie Annomé wusste. Sie seufzte. Gerade war sie mal wieder so in Gedanken versunken, dass sie nicht mitbekommen hatte, dass Gerlinde im Laden verschwunden war. Erst als diese einen großen Blaubeerkuchen auf den Tisch stellte, war Annomé sofort wieder im Hier und Jetzt.
„Damit können wir uns die Wartezeit versüßen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern zu Annomé.
Annomé klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Ach was bin ich doch froh, dass ich mich gestern so heftig verflogen habe.“
Alle lachten und freuten sich über die Kuchenspende. Es dauerte nicht lange, da hörten sie ein Sausen und Brausen in der Luft.
Thilion zeigte zum Himmel. „Carlotta kommt.“

Rasant landete sie vor dem Tisch. „Andrea ist schon unterwegs. Müsste auch gleich hier sein. Wohnt nämlich gar nicht so weit weg von hier.“
Alle spürten, dass es der Anfang von etwas Neuem war. Abenteuer lag in der Luft…

 

 

Fortsetzung folgt kommenden Freitag

 

 

Annomés Vorsätze, nur noch positiv zu denken, waren wie weggewischt. Sie zog die Schultern weit bis über ihre Elfenohren. Fest kniff sie die Augen zusammen. Als wenn das was gegen Ogelot den Zauberer genutzt hätte. Gleich, dachte sie, gleich werde ich sein hämisches Lachen hören und dann packt er mich.
„Kannst du mir mal sagen, was du hier treibst?“
Annomé riss die Augen auf. Vor ihr schwebte Carlotta auf ihrem Besen.
„Ach, du bist das. Ich dachte schon es wäre…egal.“
„Annomé, was machst du hier?“
„Tja, hm, na ja, also, weißt du, es ist wie es ist.“
„Na da bin ich aber mal gespannt, wie es ist. Ich warte“, sagte Carlotta. Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und schaukelte auf ihrem Besen hin und her.
Annomé verdrehte die Augen. „Ich habe mich verflogen. Das kann ja mal vorkommen oder?“
„Du hast dich was?“, fragte Carlotta und riss nun ihrerseits die Augen auf. „Ich glaub es nicht. Sowas kann auch nur dir passieren Annomé.“
Ein verlegenes Grinsen machte sich auf Annomés Gesicht breit. „Sag mal Carlotta, wie hast du mich überhaupt gefunden?“
„Der Falke Henry hat dich gesehen. Er hat mir die Richtung gezeigt, in der du verschwunden warst. Du wärst wie fremdgesteuert durch den Wald geflogen, hat er gesagt.“
„Ja, das war ich auch. Ich kann gar nix dafür Carlotta. Riech mal.“ Annomé hielt ihr Näschen in die Luft. „Riechst du das auch? Das kommt von da unten aus dem großen Steinhaus.“
Carlotta schaute den Hang hinunter und schnupperte. „Tatsächlich, hier riecht es verdächtig gut nach Gebackenem.“
„Ob wir mal nachschauen sollen, was diesen zauberhaften Geruch verursacht?“
„Nee Frau Elfenkatastrophe, jetzt geht es erst mal zurück. Die anderen suchen alle nach dir.“
„Och schade“, sagte Annomé traurig.
„Abmarsch! Aufsteigen!“ Carlotta zeigte hinter sich auf ihren Besen.
„Aber bitte nicht wieder so schnell fliegen“, sagte Annomé und klammerte sich ganz fest an Carlotta. „Du weißt, dass ich das nicht vertrage.“
„Ja, ja, ich gebe mir Mühe.“
Und schon legte Carlotta einen Blitzstart hin, dass die Blätter nur so flogen.
„Mir wird schlecht“, stöhnte Annomé und schloss ihre Augen

Sie flogen zu ihren Freunden, die froh waren, dass Annomé nichts geschehen war. Annomé erzählte ihnen von ihrem Abenteuer. Sie schaffte es ihre Freunde zu überreden, gemeinsam mit ihr nochmals diesen geheimnisvollen Ort aufzusuchen. Schon am nächsten Tag ging es ganz früh morgens los.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Oben an der Böschung hielten sie an und schauten ins Tal.
„Back Company”, las Jasper. „Das steht dort oben auf dem Steinhaus.“
„Oh, sagte Annomé und strahlte, „Back Company, das hört sich nach viiiiel Gebäck an.“
„Ich schlage vor“, sagte Jasper, „dass wir das Gebäude erstmal von hier oben beobachten.“
„Aber wieso denn bloß?“, fragte Annomé. Sie wollte unbedingt und jetzt gleich dort hinunter. Sie hatte nur noch Törtchen im Kopf.
„Ich stimme Jasper zu“, sagte Meelan. „Erst mal schauen, ob unser Besuch dort unten keine Gefahr für uns birgt. Und außerdem“, grinsend schaute er zu Annomé, „kann unser Elfchen sich bei der Gelegenheit gleich etwas in Geduld üben.“
„Oh Meelan“, sagte Annomé, „du weißt, dass die Geduld und ich nicht gerade beste Freunde sind.“
„Eben drum“, antwortete Meelan. „Wir üben das jetzt ein bisschen.“
Annomé verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Die Freunde sahen, dass Menschen in das Gebäude hineingingen und mit Tüten wieder hinauskamen.
Nach einer Zeit sagte Thilion: „Ich glaube wir können es nun wagen. Außerdem sollten wir die Geduld von Annomé nicht länger strapazieren. Sonst stürmt sie die Back Company noch im Alleingang.“
„Na endlich“, sagte Annomé erleichtert und flog los.
Fips wechselte von Sir Wieselflinks Rücken auf Carlottas Besen. Sir Wieselflink würde hier oben auf seine Freunde warten. Im Gegensatz zu den Naturgeistern war er für die Menschen sichtbar und durfte deshalb nicht mit.
Als sie vor dem großen Backsteinhaus standen fragte Jasper: „Seid ihr bereit?“ Alle nickten, Annomé ganz heftig. „Wenn sich das nächste Mal die Tür öffnet, treten wir ein.“
Und dann war es soweit. Die Freunde betraten das Haus und blieben wie angewurzelt stehen. Sie wussten was nun geschehen würde.

Fortsetzung folgt kommenden Freitag