Das Tor zum Anderswald Teil 4

Annomé gähnte laut und streckte und reckte sich, bevor sie die Augen öffnete. „Huch! Ihr seid schon alle wach?“
Die Freunde aus dem Anderswald hatten am vergangenen Abend eine lange Schlafpause eingelegt. Alle waren bereits startklar für die Weiterreise, nur Annomé hatte noch tief und fest geschlafen.
Carlotta schüttelte den Kopf. „Wie kann man nur so lange schlafen?“
Annomé kratze sich am Kopf und gähnte ein weiteres mal. „Das war gestern ein langer Weg den wir hinter uns gebracht haben. Das war ganz schön ermüdend.“
Meelan schmunzelte. „Du hast doch bequem auf Carlottas Besen gesessen, während wir geflogen und gelaufen sind.“
Annomé kicherte. „Weißt du wie anstrengend es ist mich die ganze Zeit darauf zu konzentrieren, dass ich nicht vom Besen falle?“
„Dann fliegst du heute besser den Rest des Weges selber“, sagte Thilion.
„Na ja, so anstrengend war das nun auch wieder nicht.“ Sie wuschelte sich mit beiden Händen einmal kurz durch die Haare und setzte sich hinter Carlotta, die bereits startklar auf Speedy saß.
Carlotta schüttelte den Kopf. „Wie du wieder aussiehst, als wärst du in einen Wirbelsturm geraten.“
„Das richte ich alles, wenn wir wieder zu Hause sind.“ Abermals wuschelte sie sich mit beiden Händen durch ihr Haar.
„Weiter geht es“, sagte Jasper und trabte an.
Carlotta machte einen Blitzstart. Annomé, die noch mit ihren Haaren beschäftigt war, wäre beinahe vom Besen gefallen. Schnell kralle sie sich an ihrer Freundin fest.
„Och Carlotta, fast wäre ich runtergefallen.“
„Was hampelst du da hinter mir auch so herum?“
Annomé lachte. „Ich wollte nur meine Frisur ein bisschen in Ordnung bringen, damit du nicht so einen Zausel als Flugbegleitung hast.“
„Du bist mir schon so ein Zausel. Nee, nee, Annomé.“
„Hi, hi, das reimt sich sogar.“
Plötzlich war ein Knurren zu hören.
„Hast du das auch gehört?“ fragte Carlotta.
„Na klar, das war mein Magen. So langsam ein kleines Hüngerchen.“
„Ich kann dir ja was zaubern. Worauf hättest du denn Hunger?“
Annomé überlegte kurz. „Auf Blaubeerküchlein von Mölli und Trölli.“
„Damit kann ich leider nicht dienen, die gibt es nur bei den beiden Trollen.“
„Wir könnten doch gleich mal bei den beiden vorbeifliegen. Vielleicht ist heute Blaubeerküchlein-Backtag.“
„Heute ist Anderswald-Tor-Öffnungstag, würde ich sagen.“
Annomé schlug sich mit der flachen Hand so heftig auf die Stirn, dass sie fast wieder vom Besen gefallen wäre.“
„Oh Schreck! Carlotta, das habe ich doch glatt vergessen.“
Carlotta seufzte und schüttelte den Kopf. „Warum wundert mich das jetzt nicht? Was glaubst du, warum wir hier alle unterwegs sind?“
„Ich bin aber auch ein Schussel! Wirklich, das hatte ich echt vergessen!“
Meelan und Thilion flogen nun links und rechts neben Annomé.
Meelan tippte ihr auf die Schulter. „Und soll ich dir was verraten?“
Annomé schaute ihn fragend an.
„Wir sind auch schon gleich da.“
„Nochmal oh Schreck!“, rief Annomé. „Was ist, wenn heute doch nicht der richtige Tag ist?“ Unruhig zappelte sie auf dem Besen herum.
Farina kam angetrabt. „Wenn Jasper sagt, dass es der richtige Tag ist, dann ist es der richtig Tag. Heute ist bei den Menschen der 2.2.2022. Na wenn das kein magischer Tag ist.“
„He, Speedy, was ist mit dir los?“, fragte Carlotta. „Du bewegst dich ja kaum von der Stelle.“
Thilion lachte. „Kein Wunder Carlotta, denn hinter dir sitzt eine Elfen-Bremse.“
Carlotta drehte sich um. Sie schaute in das entsetzte Gesicht von Annomé. Diese bemühte sich mit ihren Flügeln rückwärts zu fliegen. „Kannst du mir mal sagen, was du da machst?“
„Ich trau mich nicht. Was ist, wenn es der falsche Tag ist? Dann öffnet sich das Tor nicht. Dann kommt das Anderswald-Buch nicht zu den Menschen. Und ohne Buch komme ich nicht mehr in die Wohnungen und Häuser der Menschen. Wisst ihr eigentlich, was die für leckere Törtchen, Kuchen und Kekse haben?“ Ihr wisst, wir haben nur einen Versuch! Wenn es schief geht, dann müssen wir 1000 Jahre warten!“ Sie schaute nachdenklich in den Himmel. „Lebe ich dann überhaupt noch?“
Thilion legte Annomé eine Hand auf ihre Schulter. „Mach dich mal locker Elfchen, das wird schon klappen. Hab einfach Vertrauen. Ich habe meine Eltern per Gedanken verständigt, sie kommen auch zur Toreröffnung.“
Annomé riss die Augen auf. „Oh, der Elfenkönig und die Elfenkönigin kommen auch?“
Thilion nickte. „Glaube mir Annomé, mein Vater würde unsere Aktion verhindern, wenn er auch nur den leisesten Zweifel hätte, dass heute nicht der richtige Tag ist.“ Thilion wurde nachdenklich. Dann sagte er: „Ich glaube, er hat so seine eigene geheime Informations-Quelle.“
Das diese Quelle ein Zauberthron im Elfenschloss war, der in die Wurzel eines Zauberbaums geschnitzt war, das wusste niemand im ganzen Königreich. Und das war nicht das einzige Geheimniss des Elfenkönigs.
Annomé atmete mehrmals tief ein und aus. Die Anspannung ließ langsam nach.
„Können wir jetzt endlich weiter fliegen Frau Elfen-Katastrophe?“, fragte Carlotta.
Annomé nickte. „Ja, jetzt oder nie.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ansonsten eben in 1000 Jahren.“
„Annomé!“ rief Carlotta. „Jetzt reicht es aber!“
In diesem Moment rief Jasper: „Wir sind gleich da! Schaut, der Elfenkönig Togan und die Elfenkönigin Ailina warten schon am Tor.“
Wieder zappelte Annomé unruhig hinter Carlotta herum. „Was ist jetzt schon wieder los?“, fragte Carlotta.
„Schau wie ich aussehe. Meine Haare sind ganz wuschelig und mein Kleid ist ganz zerknittert.“
„Das haben wir schnell erledigt.“ Rasch schwang Carlotta ihren Zauberstab und Annomé erstrahlte im besten Elfenglanz.
Annomé strahlte vor Freude. „Oh vielen, vielen Dank Carlotta! Jetzt bin ich bereit für den großen Augenblick.“
Am Tor wurden sie von dem Elfenkönigspaar begrüßt. Togen sprach: „Wie schon so oft, habt ihr gemeinsam eine Aufgabe gelöst, die der Welt der feinstofflichen Wesen und der Welt der Menschen dienlich war. Dafür danke ich euch.“ Togan machte eine Verbeugung.
Oh, dachte Annomé, der König verneigt sich vor mir. Schnell flog sie von Carlottas Besen neben Meelan, damit sie den König besser sehen konnte.
„Dann werden wir jetzt das Werk vollenden“, sagte Jasper. “Carlotta, bringst du bitte das Anderswald-Buch?“
Carlotta öffnete ihren Zauberrucksack. Dann geschah etwas Seltsames, dass alle staunen lies. Kaum war der Rucksack geöffnet, schwebte das Buch ganz voll allein heraus. Es war von einem magischen, weiß-goldenem Licht umgeben, das alle ihre Herzen berührte. Erst schwebte das Buch über die Köpfe der Anwesenden. Bei jedem hielt es kurz inne, als wollte es sich ebenfalls für die Hilfe bedanken. Dann schwebte es zu dem Schloss vom Tor und verharrte doch einen winzigen Augenblick.
Ein leises Geräusch war zu hören. Als hätte jemand einen Schlüssel im Schloss gedreht.
Die Anderswälder hielten den Atem an. Was würde jetzt geschehen? Die Spannung war fast unerträglich. Dann der erlösende Moment. Mit einem leisen Knarren öffnete sich das Tor. Das Buch flog hindurch, hinaus in die Welt der Menschen.
Die Anderswälder traten ebenfalls durch das Tor und schauten ihm hinterher, bis es nicht mehr zu sehen war.
Annomé seufzte. „Und jetzt ist es weg.“
Carlotta nickte. „Es bringt die Geschichte vom Anderswald zu den Menschen. Damit sie erfahren, dass es uns gibt. Und eines Tages, wenn unser Plan gelingt, können uns die Menschen sehen, wenn sie durch den Wald spazieren. So wie es früher war, vor uralter Zeit …“