Der Anderswald: Buch 2

Kurzinfo

Die Elfe Annomé, die Hexe Carlotta und ihre Freunde haben sich noch nicht ganz von ihrem letzten Abenteuer erholt, da wartet schon die nächste spannende Aufgabe auf sie.
Um eine geheime Mission zu erfüllen, müssen sie sich immer tiefer in die Welt und das Leben der Menschen begeben. Ihr Weg führt sie dabei auf eine rätselhafte Burg und eine turbulente Zeitreise. Ein uralter Zauberfluch und ein boshafter Burgbewohner bringen die Freunde und den Anderswald mit all seinen Bewohnern in große Gefahr.

Leseprobe: Lichttor und Zauberfluch

Kapitel 1
Die Kraft der Wahrheit

»Annomé, bist du von allen guten Geistern verlassen!«, rief Carlotta vorwurfsvoll. »Wir dachten, dir wäre was Schlimmes passiert.«
»Ist ja was passiert«, sagte Annomé, »aber was Schönes. Und man kann auch vor Freude schreien, zum Beispiel, wenn man ein Buffet voller Blaubeerküchlein sieht.«
»Oder wenn man einen Elfen sieht«, sagte Karina mit bebender Stimme.
»Häh?«, fragte Annomé und zog ihre Stirn kraus. »Wieso ’einen’ Elfen? Hier wimmelt es geradezu von Elfen.« Erst jetzt sah sie, wie blass Karina war. Sie zitterte am ganzen Körper.
Jürgen legte besorgt seinen Arm um Karina. »Was ist mit dir, mein Schatz?«
»Er war da«, sagte Karina mit brüchiger Stimme. »Ich habe ihn gesehen.«
»Wer war da?«, fragte Jürgen.
»Der Elf. Erst habe ich ihn nur gespürt. Als ich dann ein klein wenig meine Augen öffnete, konnte ich ihn sehen. Er stand vor mir, keine zwei Schritte entfernt.« Karina schaute Meelan und Meeryam an. »Euer Vater, er ist hier.«
Nun redeten alle aufgeregt durcheinander. Meelan und Meeryam waren wie versteinert. Dann fragte Meelan: »Und? Was ist dann passiert? Wo ist er hin? Wie sah er aus?«
»Annomé hat geschrien. Als ich meine Augen vor Schreck aufgerissen habe, konnte ich ihn nicht mehr sehen.«
»Annomé!«, rief Meeryam wütend. »Du hast es vermasselt. Beinahe hätten wir unseren Vater gefunden.« Tränen standen in ihren Augen.
Annomé bekam, prompt ein schlechtes Gewissen und hätte sich am liebsten unter dem Buffet verkrochen. Was hatte sie da bloß wieder angestellt. Na toll, jetzt würden alle sauer auf sie sein, und das mit Recht. Ihre Mundwinkel zogen sich immer weiter nach unten. Sie war kurz davor zu weinen, so schlecht fühlte sie sich.
Carlotta konnte Annomés traurigen Anblick kaum ertragen und legte tröstend den Arm um sie. Gereizt sagte sie zu Meeryam: »Annomé kann ja wohl nix dafür, dass euer Vater ein Feigling ist und sich nicht zu euch bekennt.«
»Du weißt doch gar nicht, warum er sich nicht zu erkennen gibt!«, rief Meelan. »Er wird schon seine Gründe haben.«
»Du verteidigst ihn auch noch?«, fragte Carlotta entrüstet.
»Carlotta hat Recht«, sagte Annomé. Wenn sie es sich recht überlegte, sah sie es gar nicht ein, dass sie der Sündenbock sein sollte. Nur weil wer weiß wer hier seine Spielchen mit ihnen trieb. Carlotta war geladen wie ein 1000 Volt-Blitz und ihr Gesicht wurde rot wie eine Tomate. Oh Schreck, dachte Annomé als sie das sah. Sollte der Elf noch hier sein, würde ich an seiner Stelle schleunigst das Weite suchen, sonst könnte es für ihn echt eng werden.
Carlotta stemmte beide Fäuste in ihre Hüften. Sie beugte sich leicht nach vorne und sagte zu Meelan und Meeryam, in einem gefährlichen Ton: »Wer ist denn für all die Unglücke verantwortlich? Etwa Annomé?«
Annomé schüttelte heftig verneinend den Kopf.
»Darf ich euch nur mal an eure Amulette erinnern, an unseren Flugunfall, an Jasper, was Speedy passiert ist, und daran, dass wir uns jetzt hier sogar streiten?« Carlottas Stimme wurde immer lauter und schriller.
Die Nerven schienen bei allen blank zu liegen nach allem, was sie erlebt hatten. Die anderen Naturgeister traten vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Um Meelan, Meeryam, Karina, Jürgen, Annomé und Carlotta entstand ein großer Kreis.
Annomé war mächtig stolz auf Carlotta, weil sie sie so verteidigte. Doch dann dachte sie, wenn Carlotta jetzt explodiert und es sie in tausend Stücke reißt, bin ich dann daran schuld oder der große Unbekannte? Wieder mal war sie mit ihren Gedanken abgeschweift und bekam nicht mit, dass plötzlich in die eingetretene Stille eine Stimme sagte:
»Ich. Ich bin für all das, was passiert ist, verantwortlich.«
Wie, was, wer ist verantwortlich, dachte Annomé.
Die Gesellschaft bildete eine Gasse für den Sprecher, damit er in den Kreis treten konnte.