Leseprobe

Annomé war mal wieder auf der Burg zu Besuch. Draußen tobte ein Schneesturm. Sie und Aurelia hatten es sich mit einer Portion Keksen auf dem alten Küchenschrank gemütlich gemacht.
„Was meinst du, Aurelia, wann kommt das Baby endlich auf die Welt?“
„Du kannst es wohl mal wieder nicht erwarten, was?“, fragte Aurelia. „Ich denke, heute oder morgen wird es so weit sein.“
„Dann bleibe ich am besten heute Nacht hier. Ich will es nämlich unbedingt sehen, wenn es noch ganz frisch ist.“
Aurelia kicherte: „Ganz frisch, das hört sich aber ulkig an.“
Die beiden lachten und gickerten, bis ihnen der Bauch weh tat. Als sie sich wieder beruhigt hatten, sagte Annomé: „Ich glaube, ich drehe noch eine Runde durch die Burg. Kommst du mit?“
„Ach nein, ich habe keine Lust“, antwortete Aurelia.
„Nu komm schon, Aurelia. Alleine durch die Burg zu fliegen, ist langweilig. Und außerdem kennst du dich hier besser aus als ich. Nachher verfliege ich mich noch.“
„Na gut, ich komme mit“, sagte Aurelia. Sie hatte so ein komisches Gefühl. Als wenn Annomé wieder etwas plante. Es fühlte sich so an wie damals in der Höhle, in der sie sich vor Ogelot versteckt hatten und Annomé irgendein Monster aufgescheucht hatte. Besser begleite ich Annomé, dachte Aurelia. Vielleicht kann ich sie vor irgendeinem Unsinn bewahren.
Annomé flog voraus. Erst in die Eingangshalle, dann einen langen Gang entlang und anschließend zielstrebig in den Turm. Immer höher flog Annomé die Wendeltreppe hoch.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Aurelia argwöhnisch.
Statt einer Antwort fragte Annomé sie: „Warst du schon mal auf dem Dachboden der Burg? Der muss doch riesig sein. Würde mal gerne wissen, was es da oben alles so gibt.“
Aha, dachte Aurelia. Habe ich es doch gewusst. Annomé hat wieder was vor. „Was willst du denn da?“, fragte sie.
„Ach, nix besonderes. Nur mal gucken.
Als sie ganz oben im Turm auf der letzten Stufe der Wendeltreppe angekommen waren, standen sie vor einer alten Holztür, die einen kleinen Spalt geöffnet war.
„Komm, Annomé,“ sagte Aurelia, „lass uns wieder runterfliegen.“
Ihr war das alles hier oben nicht geheuer und sie hatte ein ungutes Gefühl.
„Nur mal kurz reinschauen“, sagte Annomé.
„Annomé, du weißt, was damals in der Höhle passiert ist. Ich habe kein gutes Gefühl. Lass uns wieder zurückfliegen.“
Knarrend hatte Annomé die Türe geöffnet. „Ach Aurelia, was soll denn hier sein? Damals in der Höhle, das war doch was ganz anderes“, sagte sie und winkte ab. So ganz geheuer war es ihr zwar auch nicht, aber ihre Neugier siegte. Ganz langsam flog sie durch die Speichertür. Aurelia verdrehte die Augen und folgte ihr.
„Der ist ja noch riesiger als ich dachte“, sagte Annomé. Sie konnte nicht vom einen bis zum anderen Ende schauen. Die Burg hatte vier mächtige Türme, die durch ein Dach miteinander verbunden waren. Da gab es jede Menge zu erkunden. Bei nur spärlichem und schummerigem Licht flog Annomé weiter in den Speicher hinein. Überall türmten sich Berge von Gerümpel. Die Burg war über tausend Jahre alt, da sammelt sich schon was an, dachte Annomé.
„Aurelia, schau mal. Hier ist eine alte Truhe. Ob da ein Schatz drin verborgen ist?“
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Aurelia. „Dann stände die doch nicht einfach hier auf dem Speicher so rum.“
„Wir können mal reinschauen“, sagte Annomé. „Los, hilf mir, Aurelia.“
Mit vereinten Kräften öffneten sie den Deckel der großen Holztruhe.
„Ach“, sagte Annomé enttäuscht „da sind ja nur alte Kleider drin.“ Sie hatte sich wirklich vorgestellt, dass diese Truhe randvoll mit Schmuck und Edelsteinen gefüllt war.
Nacheinander entnahmen sie die Kleidung. Es waren Kleidungsstücke, die aus dem Mittelalter stammten. Plötzlich rief Aurelia: „Das hier ist die Kleidung des Grafen! Du weißt schon, der damals hier der Graf von Seinesfelden war, als ihr die Zeitreise 600 Jahre zurück gemacht habt.“
„Ja, jetzt erkenne ich die Sachen wieder. He, he, wie lustig. Aber leider ist echt kein Schatz in der Truhe.“
Annomé wusste in diesem Moment nicht, dass es sehr wohl ein Schatz war, den sie da gefunden hatten. Er würde ihnen noch gute Dienste leisten. Die beiden legten die Kleidung wieder in die Truhe und sahen sich weiter um.
Annomé flog mal hierhin, mal dorthin. Und schon wieder rief sie: „Aurelia, schau mal, was ich gefunden habe!“
Sie hatte ein kleines Karussell entdeckt, auf dem Pferdchen an Stangen befestigt waren.
„Oh, sieht das schön aus“, sagte Annomé und berührte eines der Pferdchen. Plötzlich erklang kurz eine Melodie.
Erschrocken sprang Annomé zurück. Aurelia kicherte.
„Was war das?“, fragte Annomé.
„Das ist eine große Spieluhr. Ich kenne sie noch aus der Zeit vor 600 Jahren. Da stand sie in einem der Kinderzimmer.“
„Was ist eine Spieluhr?“, fragte Annomé.
„Ich zeige es dir“, sagte Aurelia.
Sie drehte an einem Schlüssel, der sich seitlich an der Spieluhr befand. Eine zauberhafte Melodie erklang und die Pferdchen drehten sich im Kreis.
„Oh, ist das schön“, sagte Annomé und klatschte begeistert in die Hände. Zuerst tanzte sie zu der Melodie. Anschließend setzte sie sich auf eines der Pferdchen und ließ sich im Kreise drehen. Das sah so lustig aus. Aurelia hatte ihren Spaß, allein vom Zuschauen. Immer wieder musste sie die Spieluhr aufziehen. Annomé konnte gar nicht genug von dem Ritt auf den Karussellpferdchen bekommen.
Nach einiger Zeit sagte Aurelia: „Annomé, jetzt ist aber genug! Du übertreibst mal wieder.“
„Och Aurelia, bitte, bitte, noch ein letztes Mal“, bettelte Annomé.
„Na gut, aber wirklich ein letztes Mal.“
Noch einmal drehte Aurelia an dem Schlüssel. Doch jetzt passierte etwas ganz Seltsames. Das Karussell drehte sich immer schneller und schneller. Annomé konnte sich kaum noch auf dem Pferd halten und ihr wurde übel.
„Hilf mir, Aurelia!“, rief sie in Panik.
Doch noch bevor Aurelia irgendetwas tun konnte, flog Annomé schon im hohen Bogen quer über den Speicher. Ein hässliches Glucksen und Lachen war zu hören. Aurelia eilte zu Annomé.
„Ist dir was geschehen?“, fragte sie besorgt.
Annomé rappelte sich gerade wieder auf und schüttelte sich.
„Was war denn das?“, fragte sie.
Aurelia zuckte mit den Schultern. Annomé zog die Stirn in Falten und fragte: „Hast du gerade so komisch gelacht?“
Aurelia schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich nicht“, sagte sie.
Die beiden Elfen schauten sich an. Dann schauten sie sich vorsichtig um. Sie hatten beide das Gefühl, dass sie hier nicht alleine waren.
„Lass uns schnell hier verschwinden“, sagte Aurelia.
„Besser ist das“, flüsterte Annomé.
Wieder erklang dieses Lachen.
„Nix wie weg hier“, jammerte Annomé.