Der geheimnisvolle Weg

Leseprobe

Plötzlich hörte Annomé ein Sausen und Rascheln. Alle Alarmglocken gingen bei ihr gleichzeitig an. Sie schaute den Gang entlang und ein kalter Schauer lief durch alle ihre Lichtzellen. Wie auf Kommando standen alle ihre Haare zu Berge. Sie sah zwei glühende Augen, die in rasendem Tempo auf sie zugeflogen kamen. Brunos Lichtgestalt umklammerte jetzt das Gitter und rief: „Bitte hilf mir!“
Und noch etwas geschah: Alle Glühwürmchen flogen mit einem Mal davon. Nix wie weg hier, dachte Annomé. Sie flog so schnell sie konnte aus dem Gang hinaus und bog links ab. Überall sah Annomé links und rechts Gänge abgehen. Oh Schreck, in welchen Gang musste sie abbiegen? War sie links oder rechts abgebogen? Sie war links abgebogen dann musste sie jetzt rechts abbiegen. Oder war es umgekehrt? Aber in welchen Gang? Sie hatte nicht gezählt, an wie vielen Gängen sie vorbeigeflogen war. Annomé war so in Panik, dass sie gar nicht mehr denken konnte.
Das einzige, was ihr einfiel, war das, was Lahmynana zu ihnen gesagt hatte. Sie sollten einfach ihrem Herzen folgen. Überall lösten sich die Glühwürmchen von den Wänden und flogen davon. Der Schwarm wurde immer größer und heller. Annomé beeilte sich und flog so schnell wie noch nie in ihrem Leben. Wenn sie den Anschluss an die Glühwürmchen verlieren würde, dann würde es vollends dunkel um sie. Oh, würde doch bloß Carlotta jetzt hier sein. Die konnte so schnell fliegen, die würde sogar die rasenden Glühwürmchen überholen. Dann hätten sie einen Puffer zwischen sich und dem Ungeheuer, das sie verfolgte.
Sie spürte hinter sich einen Sog, der sie anzuziehen schien. Annomé kämpfte dagegen an und gab alles was ihre Flügel hergaben. Die Stimme von Bruno verfolgte sie auch. Ein Hundertfaches „Hilf mir!“ hallte durch alle Gänge. Der Sog wurde immer stärker und einen ganz kurzen Augenblick dachte Annomé daran aufzugeben. Vielleicht sollte sie wirklich zurück und Bruno helfen. Der Abstand zwischen ihr und den Glühwürmchen wurde immer größer. Hinter sich hörte sie ein böses Lachen. Oh Schreck, war das etwa Ogelot oder was? Oder noch etwas Schlimmeres? Sie dachte an Carlotta, ihre Freunde und Aurelia, die auf sie wartete. Wenn sie jetzt aufgab, würde sie sie vielleicht nie wiedersehen. Ihr Kampfgeist erwachte. Da drin kann ich der Bruno-Gestalt bestimmt nicht helfen. Da lande ich garantiert selber in so einer Zelle.
Wild entschlossen gab sie nochmal Gas. In diesem Moment bog der Schwarm rechts in einen Gang ab. Ohne zu überlegen flog Annomé hinter ihm her. Der Schwarm war nun so groß und hell, dass es sie fast blendete. Und jetzt spürte sie, dass dies der Gang war, der zum Höhleneingang führte. Mit letzter Kraft schrie sie:
„Tüüür aaauf! Aureeeeeliaaaaa! Mach die Tür aaauf! Schneeell! Er kooommt!“
Alles ging rasend schnell. Annomé flog in den großen Höhleneingang ein. Mit Erleichterung stelle sie fest, dass die Höhle geöffnet war. Am Eingang stand Aurelia und schrie:
„Schnell Annomé, schnell! Beeil dich!“