Der geheimnisvolle Weg

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Aurelia flog in Richtung Turm davon. Bevor Annomé ihr folgte, erinnerte sie sich, in was für einem Karren sie saß. Flink schnappte sie sich eines der lecker duftenden Kekse.
»Annomé, beeil dich!«, rief Aurelia.
»Ja, bin schon unterwegs.«
Der Händler, der den Karren zog, wischte sich über seine Augen. Was war das? Da flog eines seiner Gebäckstücke durch die Luft davon. Er dachte, oh je, da habe ich im Dorfkrug wohl einen Becher Wein zu vielgetrunken.
Die beiden Elfen flogen rasch in den Turm.
Oben angekommen, klopfte Aurelia an die Tür. »Auguste? Bist du da?« Nichts rührte sich. Abermals klopftesie, diesmal heftiger. Lauschend hielt sie ihr Ohr an die Tür. Dann schaute sie Annomé an. »Sie ist nicht da. Und ich habe das komische Gefühl, das sie auch nicht wiederkommt.«
»Hoffentlich ist ihr nichts geschehen«, flüsterte Annomé ängstlich. »Ogelot wird sie nicht etwa …? Weil sie uns die Chronik Bücher gegeben hat?«
Entsetzt schauten sie auf die Wand gegenüber. Dann sahen sie sich an und beide dachten dasselbe. Hier war die Türe aufgegangen, aus der die Bücher geflogen kamen. Dies schien das Reich von Ogelot zu sein.
»Nix wie weg«, flüsterte Annomé.
In Windeseile flogen sie aus der Burg in Richtung Wald. Am Waldrand angekommen, versteckten sie sich hinter einem Strauch. Es war lediglich zu ihrer eigenen Beruhigung. Annomé wusste, dass dies kein Schutz gegen Ogelot war. Ein Strauch, das war lächerlich.
»Aurelia, wir müssen von hier weg. Wo sollen wir hin?« Sie zeigte auf den Strauch. »Du weiß selber, das dieses Versteck ein Witz ist.«
Aurelia schloss die Augen. Annomé schaute sie an und dachte, hoffentlich fällt ihr was ein und das möglichst flott.
Es dauerte nicht mehr als drei Wimpernschläge, bis Aurelia, ihre Augen wieder öffnete.»Ich wüsste da ein Versteck. Auguste hat es mir gezeigt. Es ist zwar ein bisschen unheimlich, aber immer noch besser, als von Ogelot, geschnappt zu werden. Dort können wir in Ruhe überlegen, wie es weiter geht.«
»Na ja«, sagte Annomé, »alles ist besser, als von Ogelot erwischt zu werden. Los, lass uns zu dem Versteck fliegen.«
Die beiden flogen im Eiltempo in den Wald hinein. Immer wieder schauten sie sich um, ob Ogelot ihnen folgte. Es dauerte nicht lange, da kamen sie an einen riesengroßen Felsbrocken. Er war teilweise mit Moos und anderem Grünzeug bewachsen.
»Hier ist es«, sagte Aurelia. Vor dem Felsen stand, ein klitzekleiner Zwerg. Seine Kleidung war grün und braun. Zwischen dem ganzen Grünzeug war er kaum zu erkennen. Seinem runzeligen Gesicht nach, musste er stein alt sein. Jedoch passten seine klaren Augen und sein wacher Blick, nicht so recht zu seiner alten Erscheinung. Er stützte sich auf einen Stock, der mit allerlei seltsamen Schnitzereien, verziert war. Fragend schaute er die Elfen an.
Aurelia hockte sich vor ihn hin, lächelte freundlich und fragte: »Lässt du uns bitte hinein?«
»Warum möchtet ihr das?«, fragte der Zwerg misstrauisch.
»Der Zauberer Ogelot ist hinter uns her. Wir brauchen vorübergehend ein Versteck. Ich war vor einiges Zeit mit der Zauberin Auguste hier.«
Annomé dachte: Beeil dich, du Zwerg und schließ endlich die Höhle auf, bevor Ogelot uns schnappt. Vor Aufregung zappelte sie von einem Bein auf das andere. Grimmig schaute der Zwerg zu Annomé und knurrte wie ein böser Wolf.
Oh Schreck, dachte sie. Kann der womöglich meine Gedanken lesen? Sie sagte: »Entschuldige, lieber guter Zwerg. Es ist nur, wir haben es total eilig und furchtbar Angst haben wir auch.«
Das Gesicht des Zwerges entspannte sich und der Hauch eines Lächelns war zu erkennen. Er sprach: »Der Eintritt sei euch gewährt.« Mit seinem Stock klopfte er in einem speziellen Rhythmus an den Felsen und murmelte eine Zauberformel. Daraufhin öffnete sich das Gestein einen Spalt breit.
Aurelia und Annomé huschten hinein. Mit einem dumpfen Donnern, schloss sich der Felsen, hinter ihnen Sie waren in einer gigantischen Felshöhle. An den Wänden saßen tausende Glühwürmchen, die ein schummriges Licht verbreiteten. Ein schmaler Gang führte weiter in die Höhle hinein.
Nachdem Annomé alles genauestens betrachtet hatte, fragte sie Aurelia: »Wer war der kleine Zwerg?«
»Er ist der Hüter der Höhle.«
»In echt? Der Winzling hütet diese mächtige Höhle?«
Kaum hatte Annomé die Worte gesprochen, da war ein lautes Grollen zu hören. Ein paar Steine fielen von der Decke herab. Instinktiv zog sie den Kopf ein. Sie zeigte auf den Höhleneingang und flüsterte: »War er das?«
Aurelia nickte. »Die Dinge sind nicht immer so wie sie zu sein scheinen.« Der Spruch kommt mir irgendwiebekannt vor, dachte Annomé. Ach ja, der Goldene benutzt ihn hin und wieder. Und er ist sowas von wahr. Sie hatte es selber oft erfahren. Aurelia sprach weiter: »Ob jemand Großes vollbringt, mächtig, stark und mutig ist, hat nichts mit seiner Körpergröße oder seinem Aussehen zu tun.«
Ganz schön schlau die Kleine, dachte Annomé. Sie fragte: »Und wie kommen wir später wieder aus der Höhle raus?« Ein bisschen unheimlich war es ihr hier drinnen. Sie fühlte sich wie eingesperrt.
Aurelia deutete auf einen kleinen goldenen Stab, der am Höhleneigang lehnte. »Damit müssen wir dreimal an die Wand klopfen. Dann lässt er uns wieder raus.«
Na hoffentlich, dachte Annomé. Ihr fiel ein, dass sie Winzling zu dem Hüter gesagt hatte. Er wird doch nicht etwa nachtragend sein und sie nicht mehr hinauslassen? Daran mochte sie erst gar nicht denken. Im Moment waren sie hier in Sicherheit. »Wir können nicht ewig in der Höhle hocken bleiben. Wie geht es weiter? Was können wir tun?«, fragte Annomé.
Aurelia zuckte mit den Schultern. »Wir müssen uns was überlegen. Wir werden uns in Ruhe auf unsere Rettung konzentrieren, dann fällt uns sicherlich was ein.«
Annomé verdrehte die Augen. Na toll, dachte sie, konzentrieren, da ist es wieder, mein Anti-Lieblingswort. Sogar bis hierher in die Höhle verfolgt es mich. Hätte sie doch bloß nicht nach den Keksen geschaut. Dann wäre mir dies hier alles erspart geblieben.
Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr. »Bevor ich mich konzentrieren kann, brauche ich ein wenig Bewegung. Wo führt denn der Gang dort hin?« Ihre Neugier war geweckt.
»Ich weiß es nicht. Mit Auguste war ich nur hier in diesem Raum. Sie selber ist mit einem großen Sack in dem Gang verschwunden. Nach einiger Zeit kam sie ohne Sack zurück. Als ich sie fragte, wo der Höhlenweghinführt, hat sie mir keine Antwort gegeben. Hatte das Gefühl, als wollte sie nicht darüber sprechen.«
Annomé zog der Gang magisch an. Wo mag er hinführen? Es fühlte sich ein bisschen nach einem Abenteuer an. »Ich fliege ein winzig kleines Stück hinein. Nur mal schauen, ob ich da was entdecke, dass uns helfen könnte.«
»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, sagte Aurelia. »Aber flieg nicht zu weit. Ich habe ein ungutes Gefühl. Besser, du bleibst hier.«
Annomé war bereits losgeflogen. »Bin gleich wieder zurück, versprochen.« Wie war das nochmal mit dem Versprechen, dachte Annomé. Was hatte Carlotta gesagt? Sie sollte nichts versprechen, was sie nicht halten kann. Na ja, in diesem Fall war es in Ordnung. Denn sie würde ja gleich wieder zurück sein. Langsam flog sie in den Gang hinein. Hier waren die Wände ebenfalls voller Glühwürmchen. Jedoch so hell wie im Eingang der Höhle, war es nicht. In Kurven wurde sie durch den Felsen geführt. Nach einer Zeit teilte sich der Gang. Einer ging rechts und der andere links entlang. Hm, dachte Annomé. Das wäre der perfekte Augenblick, um umzukehren. Aber sie hatte noch nichts Tolles entdeckt. Und irgendwo musste der Gang doch hinführen. Sie hörte, wie Aurelia nach ihr rief. Annomé konnte es kaum verstehen. Demnach war sie bereits ein ganzes Stück weit entfernt. Sie antwortete: »Ich bin hier, ich komme gleich zurück!« Ihre Stimme hallte durch die Gänge wie ein tausendfaches Echo. Es hörte sich schaurig an.
Eine kurze Strecke noch, dachte Annomé, dann kehre ich um. Welchen Gang sollte sie wählen? Sie bog links ab. Vorsichtig flog sie weiter. Nach ein paar Kurven gelangte sie auf eine Kreuzung. Am sichersten ist es, dachte Annomé, wenn ich immer geradeaus fliege. Dieses Bild wiederholte sich mehrmals. Stets wählte sie den geraden Weg.
Plötzlich hörte sie in der Ferne ein Geräusch. Sie spitzte ihre Elfenohren. Es war, als würde jemand eine Melodie summen. Wo kam das her? Angespannt flog Annomé weiter. An der nächsten Abzweigung horchte sie. Es kam von rechts. Vorsichtig begab sie sich in den Gang hinein. Im Gegensatz zu den anderen, war dieser wesentlich breiter. Hier war die Beleuchtung durch die Glühwürmchen noch spärlicher.
Annomé begann zu frösteln. Unheimlich war es hier. Ihr Herz pochte heftig. Links und rechts befanden sich schwere Holztüren. Was mochte sich dahinter verbergen? Sie sah, dass die Türen im oberen Bereich, eine kleine vergitterte Öffnung hatten. Dieser Summen, schien aus der ersten Tür zu kommen. Sollte sie lieber schleunigst umkehren? Noch war es früh genug. Was würde sie zu sehen bekommen? Würde es ein gruseliger Anblick sein, den sie niemals vergessen würde? Der sie bis in ihre Träume verfolgen würde? Aberwenn sie nicht durch dieses Gitter schaute, würde sie sich ewig darüber Gedanken machen, was sich hinter den Türen verbarg und wo diese Melodie herkam? Diese hörte sich nicht gruselig an, eher traurig. Die Neugier siegte schließlich. Annomé gab sich einen Ruck und näherte sich der Tür. Ihr Elfenherzchen war kaum nochzu bändigen, so heftig schlug es. Sie war angespannt bis unter die Haarwurzel. Bereit, sofort die Flucht zu ergreifen, spähte sie durch das Gitter.